Die Predigt im Wortlaut:
„Gott sei Dank!“, so sage ich, dass die geplante Liveübertragung der Hinrichtung des querschnittgelähmten früheren Militärpsychiaters Nidal Hasan in Texas abgesagt wurde. Nach einer missglückten Hinrichtung mittels einer Giftspritze in Tennessee hat der US-Präsident die Möglichkeit einer Hinrichtung durch ein Erschießungskommando erlaubt.
„Gott sei Dank!“, dass es aus aller Welt Proteste sowohl gegen die Todesstrafe als auch gegen eine Hinrichtung vor laufender Kamera gab.
Eine Hinrichtung als öffentliches Spektakel, das man vom Fernsehsessel aus über die Mattscheibe verfolgen könnte! Eine schreckliche Vorstellung! Die dadurch in Gang gesetzte Diskussion um die Todesstrafe hat deutlich gemacht, dass eine erfolgte Exekution nicht zum Frieden, den die Welt braucht, beiträgt und ebenso wenig etwas mit der Wahrung von Menschlichkeit und Menschenwürde zu tun hat. – Im Gegenteil, das Töten von Menschen wird Teil des Unterhaltungsprogramms, das via Fernsehen frei Haus geliefert wird. Zugleich geschieht eine Gewöhnung an das Töten, das die Menschenwürde zutiefst verletzt.
Ein solches Vorgehen ist umso fragwürdiger, weil ansonsten Sterben und Tod weitgehend tabuisiert und aus unserem Leben verbannt werden – bis hin, dass unsere Friedhöfe veröden.
Von rund einer Millionen Menschen, die im Jahr in Deutschland sterben, stirbt nur jeder vierte im häuslichen, familiären Umfeld. Unbestritten ist, dass es medizinische Gründe gibt, weshalb ein Teil davon nicht bis zum letzten Atemzug zuhause gepflegt werden kann. Dennoch ist bemerkenswert, dass viele Menschen, wenn sie spüren, dass ihre Kräfte nachlassen, äußern: „Ich möchte heim!“ Damit verbindet sich die Sehnsucht nach der vertrauten Umgebung und insbesondere der Wunsch in der Nähe von vertrauten, lieben Menschen geborgen zu sein.
Die Kultur des Sterbens, der Trauer und der Verbundenheit über den Tod hinaus, hat sich stark verändert. Während vor einer Generation noch, wenn jemand aus der Familie starb, sofort alle Räder stillstanden und die Angehörigen darauf konzentriert waren, einen würdigen Abschied zu gestalten, wird dieses Ereignis an den persönlichen Kalender angepasst und nicht selten wochenlang hinausgeschoben.
Aufs ganze Land besehen, finden in Deutschland immer häufiger anonyme Beerdigungen statt – ohne, dass jemand aus dem nächsten Umfeld dabei wäre, ganz zu schweigen von der Solidarität, die früher selbstverständlich war, dass Verwandte, Nachbarn, Berufskollegen, Vereinsmitglieder bewusst von einem Weggefährten Abschied genommen haben.
Die tröstliche Bedeutung der Verbundenheit und Sympathie von Angehörigen, Freunden, Nachbarn und Kollegen gerade in der Trauer, beim schmerzlichen Abschied, wird immer weniger erlebbar. Dabei ist es zutiefst menschlich, einander auch in der Trauer zu begegnen und zu begleiten und nicht nur in Zeiten von Stärke und demonstriertem Erfolg. Wie viel menschlicher wäre unser Miteinander, wenn wir einander auch in Zeiten der Trauer zeigen, dass wir füreinander da sind. Wie menschlich ist es, die eigene Trauer und Verletzlichkeit nicht verdrängen zu müssen, sondern sogar zeigen dürfen.
Die Verdrängung von Sterben und Tod aus unserem Leben ist auch deshalb umso fragwürdiger, weil ein Großteil der Deutschen sich jeden Abend durch Sterben und Tod anderer unterhalten lässt. Das Töten in Krimis wird mit Spannung verfolgt. In Computerspielen ist das Töten virtueller Gegner das Ziel des Spiels. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass es einen Effekt der Abstumpfung gegenüber der Bedeutung von Sterben und Tod gibt. Tatschlich ist in Teilen auch eine Gewöhnung an aggressives Verhalten festzustellen. Ebenso sinkt die Hemmschwelle zur Gewalt. Wer sehr viele brutale Bilder sieht, reagiert messbar weniger schockiert, wenn er gewalttätige Auseinandersetzungen beobachtet.
Ebenso gibt es Hinweise darauf, dass extreme Vielseher in realen Situationen seltener oder verzögert Erste Hilfe leisten, weil sie das Gesehene unbewusst als „normal“ oder „nicht so schlimm“ abspeichern. Solche Beobachtungen und Wahrnehmungen bis hin zum Erschrecken über Tag für Tag berichtete Gewalt im unmittelbaren zwischenmenschlichen Zusammenleben sollten uns nachdenklich machen.
Für mich ist diese Entwicklung auch deshalb verwunderlich, weil zugleich in nicht wenigen Situationen ein großer Bogen um die Pflege und Versorgung pflegebedürftiger und sterbenskranker Menschen gemacht wird. „Die Krimi- und Tod-TV-Industrie macht riesige Gewinne, aber für die Pflege hilfsbedürftiger Menschen wird zu wenig Geld eingesetzt“, habe ich gelesen.
Ebenso habe ich in dem Artikel die provokante These gelesen: „Der Krimi am Sonntagabend ersetzt den Gottesdienst vom Sonntagmorgen!“ In der Tat lenkt das Geschehen auf der Mattscheibe, das unserer Unterhaltung dient, ab vom Denken an die Vergänglichkeit – zumal die eigene.
Sterben und Tod werden vielfach tabuisiert. Ein Grund dafür ist gewiss, dass das Vertrauen und der Glaube an Gott, der alles Leben in seinen Händen hält und dem wir uns und unsere Verstorbenen anvertrauen, weitgehend verloren gegangen ist.
Deshalb komme ich nochmals zurück zu der geplanten Exekution durch ein Erschießungskommando, die live übertragen werden sollte.
Die biblische Botschaft aus dem Lukasevangelium, die uns zuvor verkündet wurde, berichtet auch von einer öffentlichen Hinrichtung, zu der viele Schaulustige herbeigeeilt waren. Das Erlebte hat bei den Zuschauern aber eine tiefe Betroffenheit ausgelöst: „Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen weg.“ Sie haben also nicht umgeschaltet oder so lange gezappt, bis sie wieder die unterhaltsame Ablenkung eines nächsten Krimis gefunden haben.
Der berühmte – inzwischen verstorbene – Malerpfarrer Sieger Köder, der in Ellwangen an der Jagst zuhause war, hat diese Szene in einem eindrucksvollen Gemälde dargestellt. Zu sehen ist der Vorhang, der entzweigerissen ist und damit auch das in Hebräisch auf dem Vorhang zu lesende Zitat: „Warum hast du mich verlassen?“ Denn das Geschehen macht deutlich, dass Gott uns Menschen nicht verlässt – schon gar nicht im Sterben und im Tod.
Der Vorhang im Tempel zu Jerusalem hat das Allerheiligste verdeckt, nämlich die Bundeslade, das sichtbare Symbol für die Gegenwart Gottes. Die Bundeslade war die Truhe mit den zehn Geboten, also der Wegweisung Gottes für unser Leben.
In der Kreuzigung wurde aber – so die Botschaft des Evangelisten – für alle erlebbar, dass Gott selbst es ist, der sich in Jesus um die Menschen und all ihre Nöte annahm.
Sieger Köder hat in seinem Gemälde den zerrissenen Vorhang dargestellt. Dann ist aber nicht die Bundeslade zu sehen, sondern der Blick fällt auf den Gekreuzigten, der mit einer Hand noch am Kreuz hängt und die andere Hand den Menschen – gerade den Leidenden, Geschundenen, Erniedrigten, Trauernden und besonderen den Liebenden – zuwendet. Das alles beobachten die Neugierigen sowie die Hüter der gängigen Ordnung mit Skepsis.
Vom Hauptmann – einem Ungläubigen – dagegen wird berichtet: „Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter“, war Gottes Sohn!
Die Botschaft des Evangelisten für uns ist, dass wir selbst im Sterben und ebenso wenn wir Mitmenschen in ihrem Sterben begleiten, letztlich von IHM gehalten sind. Er ist selbst durch Leiden und Tod gegangen und schenkt uns die Gewissheit, dass er immer bei uns ist – auch im Leiden, im Sterben, im Tod und in unserer Trauer.
Heute hier zu sein, also bewusst auf den Friedhof, an die Gräber unserer Verstorbenen zu gehen, ist ein deutliches Zeichen der Verbundenheit mit unseren Verstorbenen und zugleich ein Ausdruck unseres Gottvertrauens, dass sie nun in SEINEN Händen geborgen sind, und dass auch wir von IHM gehalten sind. Dafür sagen wir ihm gerade an diesem Ort: „Gott sei Dank!“
Und so wie uns hier an den Gräbern viele Erinnerungen an unsere Verstorbenen durch den Kopf und das Herz gehen, so werden wird durch unser Beten und Singen bestärkt in unserem Gottvertrauen und in der Zuversicht, dass wir von ihm gehalten sind. Der Friedhof ist deshalb ein wichtiger Ort, um uns von IHM ergreifen lassen, damit wir zuversichtlich unseren Weg weitergehen und gerade heute sagen: „Gott sei Dank, dass Du uns hältst und uns Leben verheißt!“
Domkapitular Clemens Bieber
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