Das Konzept funktioniert wie eine mobile Bücherei: Menschen, die Problemlagen wie Sucht, Schulden, psychische Erkrankungen oder Wohnungslosigkeit zu bewältigen haben, stellen sich als lebendige Bücher zur Verfügung und erzählen aus ihrem Leben.
Mit Brüchen umgehen
Wie beispielsweise Patrick, der in schonungsloser Offenheit ehrlich und bildlich aus seinem Leben erzählte. So gab, noch bevor die Erzählung begann, Stefanie Behnecke, Projektfachkraft bei livebooks und beim Förderverein Wärmestube e. V. beschäftigt, an die Anwesenden eine Triggerwarnung. „Menschen sieht man ihre Geschichte nicht an“, sagte sie. „Wir wollen mit ihnen sprechen und nicht über sie.“ livebooks sei ein Sensibilisierungsprojekt, das aufzeigt, wie Betroffene mit ihren „Brüchen“ umzugehen lernen.
Patrick hat es geschafft, dank Jesus, seiner Freundin Rosetta und Menschen, die zu ihm halten. Heute gehört er zum Werkstattrat des Erthal-Sozialwerks, einer anerkannten Werkstatt für Menschen mit psychischer Erkrankung oder Behinderung. Er hat es geschafft, fest im Leben zu stehen, doch das war nicht immer so. Als mangelernährtes und vernachlässigtes Kleinkind mit Erfrierungen an Händen und Füßen veranlasste das Jugendamt seine Heimeinweisung.
Sein erstes Wort war „Auto“
Dann kam er zu Pflegeeltern, doch die kamen mit dem Buben nicht zurecht und gaben ihn wieder ab. Das nächste Heim folgte, diesmal eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung. „Dort erlebte ich zum ersten Mal eine schöne Zeit“, betonte er heute. Besonders die Ausflüge mit dem Kleinbus hatten es ihm angetan und er verliebte sich in einen Bus. „Schon viel früher war mein erstes Wort ‚Auto‘ gewesen, anstatt ‚Mama‘.“ Später wurde er von einer Heim-Mitarbeiterin und ihrem Mann adoptiert. „Hauptsache, er hat es gut“, sagte die leibliche Mutter. Damit nahm Patrick den Nachnamen seiner neuen Familie an.
Mit der Einschulung ging es bergab. „Ich war der Prügelknabe der Schule. Weil ich ganz komisch als blasser, kleiner und schmächtiger Junge mit feuerroten Haaren aussah! Dazu trug ich altmodische Kleidung.“ Alle paar Tage kam er mit Blessuren heim. Gewalt wurde schließlich auch seine Sprache. „Ich kam massiv in Konflikte mit der Polizei“, gab der 38-Jährige zu.
„Meine Adoptiveltern behandelten mich wie einen Sklaven. Ich hatte zehn Minuten Zeit zum Mittagessen, eine halbe Stunde für die Hausaufgaben und dann schuftete ich bis zum Abend und schlug Holz. Sonntags hatte ich frei, wurde aber in mein Zimmer gesperrt.“
Rosetta, die große Liebe
Nach drei Selbstmord-Versuchen änderte sich sein Leben durch eine Fernsehsendung, „Hier sah ich zum ersten Mal Rosetta und verliebte mich in sie.“ Die große Liebe war eine Raumsonde der European Space Academy.
Dabei beschreibt die so genannte Objektliebe (auch Objektophilie genannt) die tiefe romantische oder sexuelle Anziehung zu unbelebten Gegenständen. Für die Betroffenen sind die Objekte – wie beispielsweise Flugzeuge, Raumsonden oder technische Geräte – keine bloßen Ersatzpartner, sondern gleichwertige Liebesobjekte, die emotionale Geborgenheit geben.
In einem entsprechenden Forum fand er schließlich eine weitere echte Freundin, die ihm den Weg zu Jesus ebnete. „Heute gibt mir der Glaube viel Kraft.“ Zu den leiblichen und auch Adoptiv-Eltern bestehe kein Kontakt, trotzdem ist Patrick glücklich mit seinen Leben, beruflich erfolgreich und immer noch in Rosetta verliebt. Um sie immer bei sich zu haben, trägt er ein kleines Solarpanel im Rucksack.
Sabine Ludwig





