„Braucht es Mut für etwas, das doch selbstverständlich sein sollte?“, fragte Sozialethikerin Prof. Michelle Becka, Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaft an der Universität Münster. Angesichts aktueller Debatten gehe es bei Inklusion darum Handlungsspielräume, zu verteidigen und zu erweitern. „Man darf nicht als Liebesgabe anbieten, was schon als Grundrecht geschuldet ist“, sagte Becka mit Verweis auf das Zweite Vatikanische Konzil. Vieles, was selbstverständlich sein sollte, sei fraglich geworden.
Warnung vor Entsolidarisierung
Einen Impulsvortrag hielt Prof. Christoph Ratz vom Lehrstuhl für Pädagogik bei geistiger Behinderung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er machte am Beispiel Wohnen die Benachteiligung von Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen deutlich. Heutzutage könnten beeinträchtigte Menschen zwar deutlich selbstbestimmter leben. Doch angesichts schrumpfender öffentlicher Finanzmittel warnte er vor Rückschritten bei Inklusion und vor „öffentlicher Entsolidarisierung“.
„Ich habe Angst vor meiner Zukunft, weil man nicht weiß, wie das hier nun weitergeht“, erklärte anschließend Evi Gerhard, die auf einen E-Rollstuhl angewiesen ist. „Ich brauche jeden Tag Mut“, so die Würzburger Inklusionsaktivistin. Neben Gerhard hatten Jill Heuer vom Referat Inklusive Seelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, auf dem Podium Platz genommen. Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, musste leider wegen Problemen bei der Anreise kurzfristig absagen.
Respekt, Begegnung und Mut
Schuchardt verwies auf die UN-Behindertenrechtskonvention und betonte gegenseitigen Respekt als zentrales Element für Inklusion. Was für sie Teilhabe bedeute, fragte Moderatorin Becka dann Gerhard. „Ich möchte respektvoll behandelt werden, auf Augenhöhe“, so deren Antwort. Heuer warnte davor, Menschen mit Behinderung als Hilfeempfänger zu betrachten. Sie seien vielmehr aktive Mitglieder der Gesellschaft. „Es muss anders über Menschen mit Behinderung gesprochen werden“, forderte die DBK-Referentin.
Über Publikumsanwälte konnten die Besucherinnen und Besucher Rückmeldungen geben. So brachte Julian Wendel, Kommunaler Behindertenbeauftragter der Stadt Würzburg, etwa die Bitte vor, Autismus stärker in den Blick zu nehmen. Und Publikumsanwältin Hildegard Metzger nannte das Stichwort inklusive Sprache. Heuer erklärte: „Eine inklusive Kirche ist unser Ziel“. Gleichzeitig könne Kirche Begegnungsräume schaffen. Einig waren sich die Podiumsgäste, dass Inklusion nur im Miteinander aller funktioniert. Schuchardt brachte es auf den Punkt: „Wir müssen als Gesellschaft zusammen daran arbeiten, dass normal wird, was normal ist.“
„Mir macht Mut, dass ich nicht alleine stehe“, sagte Gerhard abschließend. Die Katholikentagsbesucherinnen und -besucher waren noch eingeladen eigene Mutmachgeschichten zu teilen und per E-Mail an den DiCV Würzburg zu senden. Das ist auch momentan noch möglich. Im Verband plant man die Geschichten zu einem späteren Zeitpunkt zu veröffentlichen – damit sie möglichst vielen Mut machen.
Anna-Lena Herbert













