Die Predigt im Wortlaut:
Unsere Welt ist überschattet von zahlreichen Konflikten. Dabei betreffen selbst die Auseinandersetzungen in anderen Kontinenten auch unser Miteinander – sei es, dass die Menschen, die vor Krieg und Terror fliehen, bei uns Zuflucht suchen, oder dass sie sich auf unsere Wirtschaft und damit auf unseren Wohlstand auswirken. Die Preisangaben an den Zapfsäulen der Tankstellen zeigen dies deutlich.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine, eigentlich schon mit der Annexion der Krim, herrscht Krieg gleichsam vor unserer Haustüre. Konkrete Auswirkungen davon sind etwa die eingestellten russischen Öllieferungen oder die immer häufigeren Cyberattacken.
Zudem wird das Zusammenleben in unserem Land mehr und mehr bedroht durch gewalttätige Attacken wie z.B. der Brandanschlag auf ein Stromnetz in Berlin, das etwa 45.000 Haushalte und über 2.200 Betriebe, darunter aus viele Sozialeinrichtungen, betraf. Besorgniserregend ist ebenso der wachsende Zuspruch zu politisch unberechenbaren und auch radikalen Gruppierungen mit z.T. menschenverachtenden Haltungen.
Kurzum: Der Friede steht auf dem Spiel! Einzelne Regierungschefs versuchen sogar, aus der angespannten politischen Lage Kapital bzw. Vorteile für ihr eigenes Land heraus zu schlagen.
Der Friede steht auf dem Spiel, und wenn nicht rechtzeitig Besinnung einkehrt, wächst die Gefahr immer weiter um sich greifender Spannungen oder gar eines dritten Weltkrieges.
Wie sich in der weltpolitischen Lage das nicht fassbare Dreieck von USA, China und Russland weiterentwickelt, ist wohl keinem wirklich klar. Angesichts der vielen Konfliktherde mit all den weltweiten wirtschaftlichen und sozialen Problemen, mit über 100 Millionen Flüchtlingen rings um den Erdball – wäre gerade jetzt wäre Miteinander und Solidarität entscheidend wichtig. Dazu braucht es aber eine verbindliche geistige Grundlage!
Die Diskussionen in unserem Land um den richtigen Weg in eine sozial gerechte, friedvolle und damit lebenswerte Zukunft machen ebenso wie die entsprechenden Diskussionen in Europa und auch in den Vereinten Nationen deutlich, dass die geistige Grundlage fehlt.
Angesichts des Krieges in der Ukraine wird deutlich: Frieden und damit auch sozial gerechte Lösungen der großen globalen Herausforderungen können nur gemeinsam erwirkt werden: Die uns bekannten Kriege wie auch die Folgen von Terrorismus, Klimawandel, wirtschaftlicher Globalisierung und Migration machen nicht an nationalen Grenzen halt.
Die Entwicklung hin zur wirtschaftlichen und sozialen Annäherung kann nur gemeinsam gestaltet werden. Leider scheint die Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen unbeschreiblich schlimmen Folgen von vielen vergessen zu sein.
In einem Aufsatz, der sich mit dieser unsicheren Situation befasst, habe ich gelesen: „Wer sich der Vergangenheit nicht bewusst ist, kann keine lebenswerte Zukunft gestalten. Wer kein gemeinsames Fundament hat, der kann auch kein schützendes Dach bauen!“ Deshalb ist es wichtig, an ein bemerkenswertes Ereignis nach dem Zweiten Weltkrieg und damit den Beginn der Einigungsbemühungen in Europa zu erinnern. Das Symbol für das Bestreben um ein in Frieden, Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen geeintes Europa ist die europäische Fahne.
Auch wenn manche Zeitgenossen es nicht wahrhaben wollen: der Kranz aus zwölf goldenen Sternen auf dem dunkelblauen Tuches ist die Folge eines Gelübdes! Die zwölf Sterne weisen nicht darauf hin, dass die Europäische Union einmal aus zwölf Staaten bestanden hat, – sie sind ein religiöses Symbol!
Die Geschichte der Fahne hat ihren Ursprung in der Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Paul Lévi, ein Belgier jüdischer Abstammung, sah damals angsterfüllt in Leuven zahlreiche Eisenbahnzüge fahren, in denen die Juden von der deutschen Gestapo nach Osten in eine ungewisse Zukunft transportiert wurden. Damals legte Lévi das Gelübde ab, wenn er den Krieg und die Nationalsozialisten lebend überstehen würde, wollte er zum katholischen Glauben konvertieren. Er überlebte und wurde katholisch.
Am 5. Mai 1949 wurde in London der Europarat gegründet und Paul Lévi wurde Leiter der Kulturabteilung des Europarats. Sechs Jahre später, 1955, diskutierten die Vertreter über eine gemeinsame Flagge. Sämtliche Entwürfe, in denen ein Kreuz enthalten war wie z.B. auf den skandinavischen Flaggen, wurden als ideologisch gebunden und zu christlich verworfen.
Eines Tages kam Lévi bei einem Spaziergang an einer Statue der Mutter Gottes mit dem Sternenkranz vorbei. Durch die Sonne beschienen, leuchteten die goldenen Sterne wunderschön vor dem strahlend blauen Himmel. Lévi suchte daraufhin Graf Benvenuti auf, einen venezianischen Christdemokraten, den damaligen Generalsekretär des Europarats. Er schlug ihm vor, zwölf goldene Sterne auf blauem Grund als Motiv für die Europafahne anzustreben. Benvenuti war begeistert, und wenig später wurde der Vorschlag allgemein akzeptiert. Und so ziert bis heute in allen Staaten der Europäischen Union der goldene Sternenkranz Marias die Europafahne.
Die Zwölfzahl der Sterne ist ein Hinweis auf die zwölf Stämme Israels und somit auf das auserwählte Volk Gottes. Für die Zahl zwölf sind neben dem Hinweis auf die Stämme Israels im Alten Testament noch die zwölf Apostel im Neuen Testament wichtig. Die Bedeutung der „Zwölf“ kann man auch darin sehen, dass zwölf das Produkt von drei und vier ist. Die Dreizahl steht für die Dreifaltigkeit Gottes in Vater, Sohn und Geist, und die Vier symbolisiert die Himmelsrichtungen. Zwölf steht damit auch für Vollkommenheit.
Die Flagge der Europäischen Union ist also nicht nur ein Symbol für die EU, sie steht im weiteren Sinne auch für die Einheit und Identität unseres Kontinents. Im Wissen um den geschichtlichen Hintergrund der Bemühungen um ein geeintes Europa sowie ihres Symbols, den zwölf goldenen Sternen auf dunkelblauem Untergrund, wird deutlich, dass es ein grundlegender Fehler war, beim europäischen Einigungsvertrag darauf zu verzichten, das religiöse Fundament zu benennen.
Deshalb möchte ich daran erinnern, dass die treibenden Kräfte für ein vereintes Europa und eine friedvolle Zukunft dies aus ihrer christlichen Überzeugung taten. Es waren allen voran Robert Schumann, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer. Sie waren praktizierende Katholiken. An sie erinnerte Papst Leo letzte Woche vor den Abgeordneten der EVP im EU-Parlament. Europa sei von der Vision einer Zusammenarbeit getragen, „die jahrhundertelange Spaltungen überwindet und es den Völkern des Kontinents ermöglicht, ihr gemeinsames menschliches, kulturelles und religiöses Erbe wiederzuentdecken“, so der Papst.
Es geht heute um weit mehr als nur um einen Wirtschaftraum oder einen militärisch geschützten Kontinent. Es geht um unser aller Lebensraum, d.h. es geht um den Schutz menschlichen Lebens schon vor der Geburt bis zu seinem natürlichen von Gott verfügten Sterben und um den Schutz der uns anvertrauten Schöpfung, der natürlichen Umwelt. Es geht um den Wert und die Würde jedes einzelnen Menschen, seine Bildung und Befähigung zur Selbstsorge wie auch zur Solidarität und damit auch um soziale Gerechtigkeit. Das alles entspringt keiner Ideologie, sondern der Lebensbotschaft Gottes, die immer im Widerstreit mit eigensüchtigen Interessen einzelner Menschen wie Gruppen lag.
In der Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja haben wir gehört: „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; / über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, / strahlte ein Licht auf.“ Diese Botschaft verkündete der Prophet den Menschen seiner Zeit in der festen Überzeugung, dass Gott uns einen Wegweiser schenkt: „Denn ein Kind wurde uns geboren, / ein Sohn wurde uns geschenkt. / Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. / Man rief seinen Namen aus: / Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, / Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. / Die große Herrschaft und der Frieden sind ohne Ende …“
Nationalistische wie auch radikale Kräfte werden uns nicht den Weg in eine friedvolle und menschenwürdige Zukunft ebnen. Deshalb kommt es darauf an, ein Signal zu setzen für die Bedeutung eines tragfähigen geistigen und geistlichen Fundaments, auf dem sich das Miteinander entfalten und einer guten Zukunft entgegengehen kann.
„Wer sich der Vergangenheit nicht bewusst ist, kann keine lebenswerte Zukunft gestalten. Wer kein gemeinsames Fundament hat, der kann auch kein schützendes Dach bauen!“ Deshalb gilt – gerade im Blick auf Maria – für eine friedvolle und lebenswerte Zukunft unseres Landes, Europas und der ganzen Welt zu beten und sich dafür auch politisch zu engagieren. Es braucht dazu die geistige Verbindung der Menschen, die ihren Lebensweg aus dem Glauben an den menschgewordenen Gott leben; die aus dem Geist seiner Frohen Botschaft handeln und auch Verantwortung übernehmen; die dazu bereit sind – gerade in einer Zeit, in der ein Mensch, der sich als Christ bekennt, schnell Gespött kabarettistischer Kapriolen ist und auch bei Redakteuren verschiedener Medien eher kritisch gesehen wird.
Was die Geschichtsbücher wohl eines Tages schreiben werden über die Bemühungen in unseren Tagen nicht nur nationale Interessen im Blick zu haben, sondern auf den Frieden hinzuwirken, der Menschen in all ihrer Verschiedenheit und mit ihren jeweiligen Geschichten und Kulturen friedvoll zusammenleben lässt? Das Urteil darüber hängt von unserem beherzten und glaubwürdigen Einsatz heute ab!
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de







