Die Predigt im Wortlaut:
„Empörungsgesellschaft“ – so die plakative Überschrift in einer großen Wochenzeitschrift.
Viele haben sich längst daran gewöhnt, dass ein Thema nach dem anderen – oft unterlegt mit irgendwelchen Umfragen – durch die Gesellschaft getrieben wird. Somit wird dafür gesorgt, dass das Gros der Bevölkerung ständig neue Aufreger findet. Nur einige Beispiele:
„Empörungsgesellschaft“ – im Blick auf die politischen Vorgänge:
- Die wirtschaftliche Situation in Folge Irankrieges bietet täglich „Stoff“,
- ebenso die notwendigen Neuordnungen in den sozialen Leistungen des Staates,
- sowie die Fragen der Inneren Sicherheit in unserem Land.
„Empörungsgesellschaft“ – auf allen Ebenen:
- Wenn es z.B. um die Planung einer Autobahn- oder Eisenbahntrasse geht
- oder um ein neues Industrie- bzw. Gewerbegebiet.
- Selbst der mögliche Bau eines Kindergartens oder einer Einrichtung für Senioren
- wie ein geplanter Spielplatz in einem Wohngebiet sorgen für Protest.
„Empörungsgesellschaft“ – in allen Lebensbereichen
- Wenn es um die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Lebensformen geht,
- ebenso wenn der Verdacht einer „Extrawurst“ für Politiker gehegt wird.
- Selbst die Öffnungszeiten eines Freischwimmbades sorgen für Leserbriefe.
„Empörungsgesellschaft“ – auch im Bereich der Kirche:
- Die klaren Aussagen des Papstes während seiner Reise durch vier afrikanische Ländern wurden umgehend überlagert von der Empörung, dass er sich zurückhaltend zur Segnung homosexueller Paare geäußert habe.
Immer und überall und zu jeder Zeit gibt es Empörung, ob die Bahn Verspätung hat, oder ob ich zwei Minuten angehalten werde, weil ein Baustellenfahrzeug vor mir rangiert usw. Die Empörung verbreitet sich über die sozialen Medien meist rasend schnell.
Um es klar zu sagen: Ich will keineswegs Unkorrektheit, Misshandlung oder Missbrauch bagatellisieren oder in Abrede stellen, aber kaum taucht im Netz der Verdacht auf, dass z.B. ein Kind im Kindergarten oder in der Schule unsanft angepackt worden sei, bricht eine Lawine der Empörung los, ohne dass zunächst dem Vorwurf auf den Grund gegangen wurde.
Im Fernsehen wird immer wieder das – unbestritten – schlimme Thema des sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche aufgegriffen. Leider zielen die Darstellungen zumeist darauf ab, die katholische Kirche sehr verallgemeinernd als „Verbrecherorganisation“ darzustellen. So empfand ich eine kürzlich im ZDF ausgestrahlte Kindersendung als erschreckend. Sehr lobend wurde zunächst das Ende des Ramadan thematisiert sowie die Feier des Zuckerfestes. Unmittelbar danach wurden die sinkenden Mitgliederzahlen der christlichen Kirchen thematisiert:
Statt echte Menschen wurde ein Erklärvideo mit mittelalterlicher Darstellung gezeigt. Damit sollte Kindern die Geschichte des Christentums erklärt werden. So sei die Kirche „sehr, sehr mächtig“ gewesen, mit „sehr viel Geld und Einfluss“. Aus „lauter Angst“, dass Gott sie „in die Hölle schicken“ würde, hätten die Menschen Ablassbriefe gekauft, weil ihnen die Kirche gesagt habe, dass sie sich so von ihren Sünden befreien könnten.
In der Neuzeit, so wurde erklärt, hätten sich Gelehrte dann gefragt, „ob wirklich alles, was die Kirche sagte und machte, so stimmte“. Heute würden immer weniger Menschen bei uns einer christlichen Kirche angehören. „Viele finden, dass die Kirche nicht modern genug ist“, erklärte die Sprecherin. „Und dann haben Kirchenleute in den letzten Jahrzehnten richtig schlimme Fehler gemacht und zum Teil schreckliche Verbrechen an Kindern begangen.“ Nachdem der Beitrag endete, verwies die Moderatorin auf die Sendungs-Homepage, wo Kinder „mehr zu diesen Verbrechen lesen“ könnten. – Somit wird immer wieder bewusst Empörung erzeugt.
Nun lehrt uns die Erfahrung, dass es im Leben immer und überall Defizite, Probleme und Unzulänglichkeiten und leider auch Unmenschlichkeiten gibt. Schlimme Dinge sollen und müssen aufgegriffen und geklärt werden. Aber dazu braucht es eben auch eine menschliche Basis, die den oder die Kritisierten nicht sofort an den öffentlichen Pranger stellt, sondern zunächst versucht, das mögliche Geschehen zu klären.
Aber wenn das Interesse an Sensationen, an Schlagzeilen, an Auflagenzahlen und Einschaltquoten überwiegt, dann ist keine Zeit für eine korrekte Recherche. Damit aber wird Misstrauen geschürt und Existenzen, menschliche wie berufliche, zerstört. Sollte sich herausstellen, dass es anders war – dann ist das meist keine Meldung mehr wert.
Um das Zusammenleben in der Gesellschaft menschlicher zu gestalten, braucht es Empathie. Nur so kann die Sorge und Not der Betroffenen wahrgenommen werden, nur so kann es gelingen, schlimmen Vorkommnissen auf den Grund zu gehen, sie auszuräumen und auf Zukunft hin zu verhindern. Damit wird auf lange Sicht das Miteinander reibungsärmer und besser gestaltet.
In der Lesung aus der Apostelgeschichte wurde heute aus der jungen Gemeinde der Gläubigen in Jerusalem berichtet. Das nachlässige soziale Verhalten in der täglichen Versorgung der Witwen führte zum Konflikt. Um die dahinterstehende Spannung zwischen Hellenisten und Hebräern zu entschärfen und den sozialen Dienst sicherzustellen, wurden „sieben Männer von guten Ruf und voll Geist und Weisheit“ ausgewählt. Dies führte zu einem aufmerksameren Miteinander, zur Akzeptanz in der Gesellschaft und auch zum Wachsen der Gemeinde.
In der Gemeinde, an die der Evangelist seine Botschaft richtet, gab es aber offensichtlich Verwirrungen und Spannungen. Einige kamen über die Nachfolge Jesu in Zweifel. Andere wurden unsicher, welchen Weg sie im Leben gehen, wie sie sich entscheiden und verhalten sollten. Deswegen erinnerte der Johannes-Evangelist seine Gemeinde an das Wort Jesu: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Damit macht der Evangelist deutlich, worauf es gerade dann entscheidend ankommt, wenn wir zutiefst verunsichert sind.
Er zitiert Jesus: „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Damit gibt er seiner Gemeinde die entscheidend wichtige Empfehlung: Es kommt gerade in Zeiten der Verunsicherung darauf an, am Glauben festzuhalten und an dem Weg, den Jesus aufgezeigt hat, den er selbst für uns gegangenen ist. In all dem Auf und Ab unseres Leben, in allen möglichen Enttäuschungen unserer irdischen Existenz kommt es darauf an, ihm zu folgen. Er lädt uns immer wieder ein: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
Im Wissen um die Unvollkommenheit der Menschen, sagt Jesu denen, die ihm folgen, trotzdem zu: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen.“ Offensichtlich haben sich viele der Botschaft Jesu angeschlossen. Die Lesung aus der Apostelgeschichte deutet es an: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde immer größer:“
Der Franziskaner Udo Schmälzle sagte einmal: „Die Geschichte des Christentums zeigt, wie eine Katakombenkirche eine gesellschaftlich prägende Kraft entfaltete. Das Christentum hat Glaubwürdigkeit bewiesen, weil in den christlichen Gemeinden niemand verhungert ist, Alte, Kranke und Behinderte versorgt und nicht abgeschoben wurden und weil keine Kinder mehr getötet wurden.“
Die Christen sind einen anderen als den damals gängigen Weg gegangen. Sie sind einen besseren, einen vorbildlichen Weg gegangen, sie haben sich in den vielen kleinen Fragen des Alltags und in den großen Fragen des Lebens an den Weg Jesu gehalten, haben so selbst zu einem Leben in Fülle gefunden und haben Zeichen für das Leben gesetzt. Ihr Dasein war in Gott verwurzelt. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, sagt Jesus
Der Kardinal Kurt Koch hat in einer Veranstaltung, an der ich teilnehmen konnte, zur Gottesfrage u.a. gesagt: „Humanität, die nicht in Divinität – also in Gott – begründet ist, wird in Bestialität enden.“ Genau das belegt die Geschichte der Menschen.
Immer wieder, wenn ich Stellungnahmen und Reden höre, in denen andere mit markigen Worten niedergemacht werden, frage ich mich, ob das nicht auch ein Hinweis auf die Gottvergessenheit unserer Generation ist.
Im Blick auf Jesus, seine Botschaft und seinen Umgang mit Menschen, selbst mit Menschen, die Schuld auf sich geladen haben, findet sich immer wieder ein Weg zu einem versöhnten Miteinander. Die Einladung Jesu, ihm zu folgen, gilt allen Menschen, auch denen, die Schuld auf sich geladen haben. Im Blick auf Jesus erkennen wir, wie Gott ist, der Gott und Vater aller. Und auch jetzt rechnet Jesus mit Unsicherheit und Zweifel im Blick auf seine Person: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben der Werke!“
Die Lebenspraxis ist also auch Ausdruck des Glaubens. „Der Weg ist das Ziel!“, sagt das Sprichwort. Das bedeutet: Die Art und Weise, wie ich meinen Weg gehe, macht deutlich, worauf zu ich gehe.
Wir leben in einer Zeit, in der es immer mehr verunsicherte Menschen gibt. Die Orientierungslosigkeit geht oft mit psychischen Belastungen einher. Ratlosigkeit, Aussichtslosigkeit machen sich breit. Viele Heranwachsende sind früher oder später überfordert. Und gerade jetzt braucht es das glaubwürdige Zeugnis für den, der „Weg, Wahrheit und Leben“ ist und uns Leben in Fülle verheißt. Doch das notwendige Zeugnis kommt nicht zum Tragen. Ein Grund liegt darin, dass viele, die – unterstützt durch die Medien – das Erscheinungsbild von Kirche prägen, dabei sind, sich zu empören.
Dagegen heißt es heute in der zweiten Lesung aus dem ersten Petrusbrief: Ihr seid „sein besonderes Eigentum, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ So kommt Licht in die Welt und auch in das Dunkel des Lebens. So werden das Leben und das Zusammenleben menschlich und hoffnungsvoll. So wird mehr bewirkt als durch die täglich neuen Empörungen!
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Herr,
ich möchte glauben,
dass ich meinen Weg finde,
wenn ich deinen Weg gehe.
Ich möchte glauben,
dass ich die Wahrheit erkenne,
wenn ich deine Wahrheit annehme.
Ich möchte glauben,
dass ich wirklich lebe,
wenn ich mein Leben
nach deinem ausrichte.
Herr,
schenke mir Glauben.
(Autor unbekannt)





