Die Predigt im Wortlaut:
Auf einer sehr alten Luftbildaufnahme von München wird die Bedeutung Mariens für unser Land klar: Alle Wege ins Land gehen sternförmig von der Mariensäule in der Landeshauptstadt aus und führen wieder dorthin. Ursprünglich wurden sogar alle Wege von und nach München von diesem Punkt aus gemessen. Das vergoldete Bild Mariens auf der hohen Säule in der Mitte des Marienplatzes zeigt, dass der menschgewordene Gott, den sie auf ihrem Arm trägt, sich der Welt und den Menschen zuneigt und sie segnet. Das Zepter in der Hand Mariens deutet an, dass das die Macht ist, die die Welt regiert oder regieren sollte!
Diese Sicht würde ich all denen wünschen, die christliche Symbole aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen. So flammen immer wieder Diskussionen um Kreuze in Klassenzimmern, Rathäusern und Gerichtssälen auf. Es gibt sogar Kommunalpolitiker, die fordern, das Kreuz aus den Aussegnungshallen von Friedhöfen zu entfernen. Oder denken wir an die Diskussion um christliche Feiertage.
Beschämend sind der zunehmende Vandalismus in Kirchen, Kapellen oder die Beschädigung von Kreuzen und religiösen Darstellungen in der Flur.
Als vor einigen Jahren der damalige englische Premierminister die Christen ermunterte, „selbstbewusster“ zu sein und „evangeliumsgemäßer hinauszugehen und das Leben der Menschen zu verändern“, schrieb eine große Zahl Prominenter aus Wissenschaft, Kunst und Medien in einem offenen Brief, es sei „nicht hinnehmbar“, Großbritannien als ein „christliches Land“ zu charakterisieren. Der Regierungschef schade mit einer solchen These Politik wie Gesellschaft. Auch in unserem Land hat eine Partei, die immer mehr Zuspruch erhält, sehr deutlich Stellung bezogen gegen die Kirchen.
Die immer wieder beschworene Toleranz gegenüber allen Religionen und Überzeugungen, die gerade durch die christliche Lebenshaltung betont wird, wird von den Gegnern des Christentums allen Anders- und Ungläubigen entgegengebracht, nur nicht den Christen.
In vielen Ländern Europas sind die Bestrebungen zur Entchristlichung unseres Kontinents zu beobachten. In Belgien, Frankreich, Tschechien und anderen Ländern spiegelt sich dies in den politischen Entscheidungen zum Lebensschutz, zu Ehe und Familie usw.
Umso bemerkenswerter ist, dass im „Handbuch des Staatsrechts“ der Professoren Isensee und Kirchhof zu lesen ist, dass die Menschenrechte, die Gleichheit und Würde jedes Menschen, seine Einmaligkeit, der Auftrag zur Eigenverantwortung, zur Nächstenliebe und zur Bewährung in dieser Welt „Kinder des Christentums“ seien.
Dennoch ist die religiöse Grundhaltung immer weniger Maßstab für unser Denken, Handeln und unsere Entscheidungen. Sie wird vielmehr ersetzt durch eine – wie ich meine – bedenkliche „Gleich – Gültigkeit“ gegenüber allen möglichen Lebensformen und ein zunehmend stärker materialistisches Menschenbild sowie durch das Diktat der Ökonomie.
Umso bedenkenswerter ist deshalb, dass der Erfinder des Begriffs „Neoliberalismus“, der Wirtschaftswissenschaftler Alexander Rüstow, behauptet, dass die Gesellschaft, überlässt man sie dem ökonomischen Gesetz des Marktes, inhumaner wird und erstarrt. Daher fordert er eine „Vitalpolitik“, die Solidarität, Gemeinsinn und Menschlichkeit fördert.
Bei seiner Afrikareise sagte Papst Leo: „Es bedarf einer gemeinsamen Entscheidung, die die geistliche und ethische Dimension des Evangeliums in das Herz der Institutionen und Strukturen integriert und sie zu Werkzeugen für das Gemeinwohl macht statt zu Schauplätzen von Konflikten, Eigeninteressen oder fruchtlosen Kämpfen.“
Papst Leo geht es darum, dass „die Würde des Menschen stets im Mittelpunkt bleibt und Ungleichheiten und Ausgrenzungen überwunden werden.“ Und er ergänzte: „Im Übrigen hat sich Gott, indem er Mensch wurde, mit den Geringsten identifiziert, und dies macht die vorrangige Sorge für die Armen zu einer grundlegenden Option unserer christlichen Identität ...“
In diesem Sinne schrieben die deutschen Bischöfe vor einiger Zeit: „Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.“
Es geht um Vertrauen, das in der Überzeugung begründet ist, dass wir alle Geschöpfe Gottes und von daher wie Geschwister einander anvertraut sind. Dieses Vertrauen hält die Gesellschaft zusammen. Das Gefühl, sich aufeinander verlassen zu können, stabilisiert die Gesellschaft.
Deshalb komme ich zurück zur die Luftbildaufnahme, die zeigt, dass alle Wege von dem menschgewordenen Gott, den die Patrona Bavariae auf ihrem Arm trägt, ausgehen und letztlich auf IHN zulaufen. Genau das ist die Frohe Botschaft des heutigen Tages. Als das Leben der Menschen fad wurde, als kein Grund mehr gegeben war, sich freuen und feiern zu können, da, so berichtet der Evangelist Johannes, gab Maria den entscheidenden Hinweis: „Was ER euch sagt, das tut!“ Durch IHN wird das Leben lebenswert!
Die immer wieder durch Umfragen gewonnene Einsicht, dass der Glaube einen positiven Einfluss auf das Leben und das Zusammenleben der Menschen hat, wird leider zunehmend mehr ignoriert. Eine wissenschaftliche Studie belegt, dass Kinder, die an den christlichen Gott glauben, hilfsbereiter und friedfertiger sind als ihre nicht gläubigen Klassenkameraden. Im christlichen Glauben verwurzelte Kinder geben armen Menschen demnach häufiger etwas von ihrem Taschengeld ab und nehmen bei Auseinandersetzungen auf dem Schulhof eine friedfertigere Position ein.
Von daher ist bemerkenswert, was der Kirchenvater Origines an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrhundert schrieb: „Die Christen erweisen ihrem Vaterland mehr Wohltaten als die übrigen Menschen. Denn sie sind erzieherische Vorbilder für die anderen.“
Ähnlich formulierte vor über 70 Jahren der damalige Bundestagspräsident Hermann Ehlers: „Der Staat lebt nicht nach den Weisungen der Kirche, aber von den Früchten ihrer geistlichen Existenz.“
Deshalb ist es wichtig, dass wir Christen uns immer wieder der Botschaft Jesu und SEINES Auftrags vergewissern und uns senden lassen zum Dienst im ganzen Land.
Darauf weist nach unserer Überzeugung Maria hin, wenn sie, wie in der künstlerischen Darstellung auf der Säule in der Mitte des Marienplatzes sichtbar, den Menschen Jesus nahebringt. Wir ehren sie deshalb als Patrona Bavariae und loben mit ihr IHN, den sie auf ihrem Arm trug, weil ER uns Wege eröffnet, die zum Leben führen.
Die Begegnung mit Maria führt uns zum menschgewordenen und menschenfreundlichen Gott. Gerne zitiere ich in diesem Zusammenhang das Leitwort der Caritas „Nah am Nächsten“. Auf diese Grundeinstellung kommt es im Zusammenleben an, um die Nöte unserer Mitmenschen wahrzunehmen und uns zu bemühen, alles zu tun, damit ihr Leben gelingt. Zugleich kommen die Menschen durch uns – über alle unsere eigenen begrenzten Möglichkeiten hinaus – mit Gottes Menschenfreundlichkeit und Liebe in Berührung.
In seiner ersten Enzyklika, „Deus caritas est“, hat der inzwischen verstorbene Papst Benedikt am Fest der Menschwerdung Gottes, an Weihnachten 2005, geschrieben: „Nicht den alles regelnden und beherrschenden Staat brauchen wir, sondern den Staat, der entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip großzügig die Initiativen anerkennt und unterstützt, die … Spontaneität mit Nähe zu den hilfsbedürftigen Menschen verbinden. Die Kirche ist eine solche lebendige Kraft: In ihr lebt die Dynamik der vom Geist Christi entfachten Liebe, die den Menschen nicht nur materielle Hilfe, sondern auch die seelische Stärkung und Heilung bringt, die oft noch nötiger ist als die materielle Unterstützung.“
Es kommt also auf die Kraft des überzeugten und glaubwürdigen Engagements an, das seinen Grund in der Verbindung zum menschgewordenen Gott hat.
Deshalb möchte ich nochmals auf den Bericht des Johannesevangelisten verweisen. Es war alles bestens organisiert, dennoch ging bei der großen Hochzeitsfeier in Kana der Wein aus, die Freude war vorbei. In dieser Situation fallen zwei Dinge auf, nämlich Jesus war „Nah am Nächsten!“ ER war bei den Leuten. ER war, wie wir sagen würden, am Puls der Zeit. Er wusste, was die Leute beschäftigt, was sie bedrückt, so wie er auch mit ihnen das Leben gefeiert hat. Zum Zweiten stellt Maria im Augenblick der Ratlosigkeit und Hilflosigkeit die Verbindung her. Entscheidend war und bleibt ihr Hinweis: „Was ER euch sagt, das tut!“
Genau daran erinnert der Johannesevangelist die Menschen um die erste Jahrhundertwende, als die Christen bereits mächtig unter Druck standen. Er stärkte in seiner Gemeinde die Überzeugung, dass die eigentliche Lebensfreude und Erfüllung von Jesus ausgeht. Dabei kommt es in der Tat immer wieder darauf an: „Was ER euch sagt, das tut!“
In all den vielfältigen Diskussionen und Überlegungen nach dem richtigen Weg für die Gesellschaft und die Menschen – wie wir das aktuell ganz intensiv erleben – kommt es darauf an, dass wir dem Rat Marias folgen: „Was ER euch sagt, das tut!“
Daran erinnert uns nicht nur die Patrona Bavariae auf dem Marienplatz, sondern auch viele christliche Zeichen in unserem Land. Und wo immer wir ihrer Botschaft folgen, finden wir zu Jesus und durch ihn zu einem erfüllten Leben.
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Kardinal Döpfner erinnerte bei der Wiederaufrichtung des Marienbildes an der Mariensäule an ein Wort von Kardinal Faulhaber,
der nach dem Zweiten Weltkrieg den Ort
eine „Säule der Gerechtigkeit und der Gemeinschaft“ nannte.
Dann fuhr Kardinal Döpfner fort:
„ … Die menschliche Gesellschaft scheint sich von Gott zu entfernen.
Gerade deshalb darf die Mariensäule in dieser Zeit nicht einsam stehen.
Wir Christen müssen heute bewusst zu ihr aufschauen
und unser Land unter den Schutz der Mutter des Herrn stellen.“
Kardinal Ratzinger betete unter der Patrona nach seiner Bischofsweihe:
„Die Wege unseres Landes kommen von dir
und gehen durch dich zu IHM, der der Weg selber ist.
So bitten wir dich in dieser Stunde:
Sei du die Patronin unseres Landes,
unseres Bistums auch in dieser Zeit.
In dem Streit der Parteien sei du Versöhnung und Friede;
in den Weglosigkeiten unserer offenen Fragen zeige uns den Weg;
die Streitenden versöhne,
die Müden erwecke;
gib den Misstrauischen ein offenes Herz,
den Verbitterten Trost,
den Selbstsicheren Demut,
den Ängstlichen Zuversicht,
den Vorwärtsdrängenden Besonnenheit,
den Zaudernden Mut,
uns allen aber die tröstende Zuversicht deines Glaubens.
Stärke die Leidenden und die Kranken;
erleuchte die Regierenden
und führe uns zueinander im Frieden des Herrn.
Schenke uns zu glauben, wie du geglaubt hast.
Mutter Gottes, Patronin Bayerns,
bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen“





