Die Predigt im Wortlaut:
„Religion als Kitt der Gesellschaft“ – so lautete die Überschrift zu einem Artikel über den neuen Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Die Studie sieht einen Zusammenhang von Religiosität und Zusammenhalt. Religiosität kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Menschen mit mittlerer oder hoher Religiosität erreichen der Studie zufolge im Durchschnitt höhere Zusammenhaltswerte als wenig oder gar nicht religiöse Menschen.
Die Leiterin der Studie schreibt: „Religion kann soziale Beziehungen festigen, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren.“ Religiöse Menschen bringen sich mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein als nicht-religiöse Menschen. Die Leiterin der Studie ist Soziologin und Islamwissenschaftlerin und stellt fest: „Religion spielt in einer zunehmend säkularen Gesellschaft eine wichtige Rolle für den Zusammenhalt.“ Entscheidend sei aber weniger die bloße Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als die gelebte religiöse Praxis und die soziale Einbindung.
Kirchengemeinden oder Moscheegemeinden bringen Menschen regelmäßig zusammen, organisieren Hilfe, praktizieren Solidarität. Religiöse Überzeugungen können Menschen dazu motivieren, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen, so die Leiterin der Studie.
Im Vergleich zu früheren Studien haben sich besonders die sozialen Beziehungen verbessert, ebenso die Gemeinwohlorientierung. Besonders stark sei das politische Interesse im Betrachtungszeitraum gestiegen.
Interessant ist auch die Erkenntnis der Studie im Blick auf die muslimischen Befragten. Was beim Islam im Gegensatz zum Christentum auffällt: Bei sehr stark religiösen Muslimen sinkt laut Studie die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen. Als Gründe dafür vermutet die Studie eine geringere Anerkennung und ein negatives Bild von Muslimen in der Gesellschaft. Auch eine stärkere Orientierung an der eigenen religiösen Gemeinschaft könnte eine Rolle spielen.
Trotz allem kann festgestellt werden: „Religion tut der Gesellschaft gut, egal ob christlich, muslimisch, jüdisch oder eine andere.“ Das bemerkenswerte Ergebnis ist, dass sich religiöse Menschen mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einbringen als nicht-religiöse. Deshalb passt die Überschrift einer weiteren Veröffentlichung zu dieser Studie: „Religion kann gesellschaftlich verbinden“.
Das Wort „kann“ in der zitierten Überschrift – wie mehrfach im Bericht – scheint mir wesentlich. Denn ob Religion in unserer Gesellschaft zur Geltung kommt und ihre Botschaft Wirkung entfalten kann, hängt zum einen davon ab, ob sich Menschen als religiös erweisen, ihr Denken und Handeln aus dem Glauben heraus erfolgt und sie dafür einstehen. Zum anderen, ob die politischen Wirkkräfte – und damit meine ich auch die Meinungsmacher in unserer Gesellschaft – der religiösen Grundhaltung Beachtung und Wertschätzung entgegenbringen.
In einem Kommentar nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Berlin und den politischen Entwicklungen seither habe ich gelesen: „Die Demokratie diffundiert. Die Wahlen zeigen, dass die extremen Ränder erstarken, während die Mitte schwächer wird.“
Weiter hieß es in besagtem Kommentar: „Wahlen gewinnt, wer mit vollem Mund verspricht, was kaum zu halten ist ... Der demokratische Diskurs hat sich in eine Kakophonie aus Unterstellungen, an der Wahrheit kaum interessierten Behauptungen und persönlichen Desavouierungen verwandelt. Wollen wir wirklich so leben?“
Von daher ist der Hinweis des Kommentators bemerkenswert, nämlich „sich an Jesus Christus ein Beispiel zu nehmen: in die Mitte gehen und Brücken der Begegnung bauen.“ Grund für seinen Hinweis ist das bekannte Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Vor 62 Jahren formulierte der anerkannte Verfassungsrechtler diesen Satz im Blick auf das Problem, wie der säkularisierte Staat soziales Kapital schaffen kann.
Der Kommentator fragt angesichts der immer stärker werdenden extremen Ränder und der daraus sich verschärfenden Polarisierung, was die Menschen und die Gesellschaft zusammenhält.
Damit sind wir bei der Botschaft des heutigen Evangeliums. Im Gleichnis beschreibt Jesus die Einladung Gottes zum Fest des Lebens, die aber nicht wahrgenommen wird. Der Evangelist Matthäus greift dieses Wort Jesu auf und gibt es an seine Gemeinde weiter in einer Zeit, in der die Menschen die Zerstörung und den Untergang Jerusalems erlebt hatten. Ihre Stadt lag in Schutt und Asche. Für den Evangelisten war dies die Konsequenz aus ihrem im Grunde gottlosen Verhalten.
Ursprünglich hatte Jesus dieses Gleichnis wohl im Blick auf die in seiner Zeit führenden Kreise erzählt, die seinem Evangelium und dem Ruf Gottes ablehnend gegenüberstanden. Ein Grund für ihr ablehnendes Verhalten war wohl, dass die Einladung Jesu sich letztlich an alle richtete. Doch seine Sorge auch um die Armen, Verachteten und sogar Sünder, selbst Heiden, also all die Menschen, die bei Jesus und in seiner Botschaft neue Hoffnung schöpften, dieser Einsatz Jesu wurde – teilweise sogar – bekämpft.
Dennoch wird Jesus nicht müde zu erinnern, dass Gott alles unternimmt, um die Menschen zu einem erfüllten und frohen Leben zu führen. Aber – wie das Gleichnis deutlich macht – sie nehmen seine Einladung nicht an. Es gibt angeblich Wichtigeres. Der eine geht auf seinen Acker, der andere in seinen Laden. Andere misshandeln und töten sogar die Boten, weil sie die Botschaft nicht hören wollen und sich dadurch in ihrer Haltung gestört fühlen. – Ähnliche Töne sind auch heute zu hören, wo dem Dienst der Kirche und ihrer Caritas immer wieder die Unterstützung aufgekündigt wird – u.a. mit der Begründung: „Was gehen uns die Anderen an!“
Deshalb nochmals zurück in die Zeit, in der der Evangelist Matthäus dieses Gleichnis Jesu zitierte: Der Untergang Jerusalems war ein Schock. Und genau in dieser Situation verkündete der Evangelist Matthäus, dass alle – die Guten wie auch die Bösen – von Gott zum Fest des Lebens eingeladen sind, vorausgesetzt, dass sie zur Einsicht kommen.
Es geht um die Frohe Botschaft Jesu, die dem Leben der Eingeladenen Sinn und Ziel gibt, die ihrem Denken und Handeln wertvolle Anleitung bietet. Es geht um die Offenheit für die Lebensbotschaft Gottes und darum, getragen – von dieser Hoffnung und Zuversicht – den eigenen Lebensweg zu gehen.
Jede Krise – auch die, die wir derzeit in unserem Land, aber auch in anderen Ländern erleben – hat ihre Chance. Der Evangelist Matthäus hat gerade in schwieriger Zeit sehr bewusst die Einladung Gottes weitergegeben und verkündet. Genau das ist auch unsere Aufgabe als Christen, als Kirche heute: uns nicht mundtot machen zu lassen, aber auch nicht den Mut zu verlieren, der Polarisierung in unserer Gesellschaft entgegenzuwirken und das verantwortungsbewusste Miteinander der Menschen in unserer Gesellschaft zu fördern sowie das Vertrauen in Gott und ins Leben zu stärken.
Die aktuelle Krise, die viele beunruhigt, darf nicht zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen. Die aktuellen Vorgänge sollten unsere Generation wachrütteln und zum Nachdenken veranlassen, was entscheidend ist für unser Leben.
Der jüdische Rabbi Abraham Joshua Heschel hat einmal gesagt: „Gott ist von keiner Bedeutung, wenn er nicht von höchster Bedeutung ist.“ – Deshalb sollte sich Jede und Jeder von uns immer wieder fragen: Welchen Stellenwert, welche Bedeutung hat Gott und seine Lebensbotschaft für mich?
Jesus will den Menschen seiner Zeit und heute uns mit seinem Gleichnis sagen: So könnt ihr nicht mit Gott umgehen, wenn er euch zum Fest des Lebens einlädt. Das Evangelium wendet sich gewiss nicht gegen die Erfüllung irdischer Pflichten, sondern gibt uns einen bedenkenswerten Hinweis: es macht uns aufmerksam, Prioritäten zu setzen. Wir müssen uns immer wieder darüber klar werden, was uns im Leben das Wichtigste ist.
Ich habe eingangs auf die Erkenntnisse aus dem neuen Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung hingewiesen. Im Bericht von BR 24 dazu habe ich gelesen: „Religion wirkt sich positiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.“
Auf die Bedeutung der von Religion für unsere Gesellschaft hinzuweisen, ist Aufgabe für jede und jeden von uns!
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Herr,
wir leben in einer Welt,
die eingeengt und bestimmt ist
von Leistung, Stress und Not,
Hetze und Lärm.
In dieser Welt
ist scheinbar kein Platz
für Besinnung, für Stille,
für dich.
Gib du uns:
Momente der Besinnung,
Minuten der Stille,
Situationen, in denen wir Zeit haben,
an dich zu denken.
Und mach uns fähig,
sie zu erkennen.
Herr, hilf uns,
diese Augenblicke zu nutzen,
um dir,
um uns selbst
näher zu kommen.
(Autor unbekannt)


