Es ist ruhig im Haus, eine Stille, die viele ältere Menschen kennen. Zeit ist da. Erinnerungen auch. Und der Wunsch, noch einmal gebraucht zu werden. Gerade Seniorinnen und Senioren tragen oft einen Schatz in sich: Erfahrung, Geduld, Wärme und die Fähigkeit, zuzuhören. Eigenschaften, die in einer immer schneller werdenden Gesellschaft kostbar sind.
Familienanschluss
Hier setzt das Projekt „Zeit für Familien“ beim Caritasverband für den Landkreis Miltenberg (KCV Miltenberg) an. Dort bringt man engagierte Menschen mit Familien zusammen, die Unterstützung im Alltag suchen. Junge Familien wünschen sich oft etwa eine großelternähnliche Begleitung für ihre Kinder: Jemanden zum Vorlesen, Spielen, Trösten oder einfach eine Person, die da ist. Es ist eine Win-Win-Situation, da vor allem auch Seniorinnen und Senioren darüber neue Kontakte, Lebenssinn und Nähe finden. Denn: Gefühlte Einsamkeit ist für viele ältere Menschen ein leiser Begleiter.
Eine von ihnen ist Lydia Wirth aus Sulzbach (Landkreis Miltenberg) bei Aschaffenburg. Wenn sie von sich spricht, sagt sie mit einem Lächeln: „Ich bin eine glückliche Leih-Omi.“ Vier Jahre ist es her, dass sie diesen Weg eingeschlagen hat – bereut hat sie ihn keinen einzigen Tag.
Der Auslöser war ein Besuch beim Caritasverband für den Landkreis Miltenberg. Wirth war erst kurz zuvor mit ihrem Mann aus ihrer Heimat Oberpfalz nach Franken gezogen, um näher bei der Tochter zu sein. Doch außerhalb der Familie Fuß zu fassen, ist in diesem Alter nicht leicht. „Nur spazieren gehen und aus dem Fenster schauen – das war mir zu wenig“, sagt die rüstige 73-Jährige heute. Da stieß sie auf eine Ankündigung der Caritas. Eine Veranstaltung zum Projekt „Zeit für Familien“. „Ich wusste sofort: Da muss ich hin.“
Schnupperstunde
Kurz darauf wurde ihr von der Caritas eine Familie in ihrer Nähe vorgeschlagen: Eine alleinerziehende Mutter, berufstätig, vier Kinder. Keine Großeltern in der Nähe. Für Wirth war das die gewünschte Motivation. Sie nahm Kontakt auf, man verabredete eine Schnupperstunde. Die begann ganz unspektakulär – mit dem Abholen der Kinder aus dem Kindergarten. „Auf dem Weg dorthin habe ich mit der Mutter viel geredet“, erzählt Wirth. Der jüngste Sohn, gerade vier Monate alt, lag im Kinderwagen. „Die drei übrigen Kinder kamen mir mit so einer Herzlichkeit entgegen“, sagt Wirth leise. „Da war sofort Nähe.“
Von da an war die fitte Ersatz-Oma präsent. Zweimal pro Woche, manchmal öfter, wenn Termine anstanden. Sie holte die Kinder ab, begleitete sie, hörte zu. Heute ist nur noch der Jüngste im Kindergarten, die älteren Kinder gehen zur Schule. Mit leuchtenden Augen erzählt Wirth von Spielplatznachmittagen, Bastelstunden, vom Malen am Küchentisch.
„Frau Wirth ist zu einem festen Bestandteil unserer Familie geworden“, sagt die Mutter. „Sie bedeutet uns als Oma sehr viel. Meine Kinder hängen sehr an ihr. Wenn sie einmal verhindert ist, fragen sie sofort nach ihr, denn sie fehlt dann.“ Und sie ergänzt: „Ich würde mir wünschen, dass es viel mehr Frauen gibt, die so ihr Herz für andere öffnen. Gerade auch dann, wenn keine ‚echte‘ Oma in der Nähe ist.“
„Zeitverschenker“
Klaudia Bethke, Koordinatorin von „Zeit für Familien“, ist immer auf der Suche nach Menschen – jung oder älter – mit Zeit und Herz für Kinder und Familien. „Ich bin sehr froh, wenn sich auch junge Menschen melden. Ich nenne die Unterstützer sehr gerne ‚Zeitverschenker‘“, sagt sie. Die Nachfrage von Eltern sei hoch. „Ich würde mich freuen, wenn alle interessierten Familien eine Person bekommen, die Zeit verschenkt.“
Es überraschte 2023 kaum, dass das Projekt den Vinzenzpreis des Caritasverbandes für die Diözese Würzburg (DiCV Würzburg) für ehrenamtliches Engagement erhielt. In ihrer Laudatio sagte Christiane Holtmann, beim DiCV Würzburg für Engagementförderung zuständig: „Ein Projekt mitten im Leben, wirklich fürs Leben“. Ehrenamtlich Engagierte brächten unbürokratisch konkrete Entlastung im Alltag. So würden Familien „im ganz normalen Wahnsinn“ nicht allein gelassen. Dazu habe auch die Zusammenarbeit des KCV Miltenberg mit dem dortigen Landratsamt beigetragen.
„Zeit für Familien“ sieht eine Einsatzdauer von eineinhalb Jahren pro Familie vor. Danach kann ein Wechsel erfolgen. Für Lydia Wirth steht fest: „Ganz klar, ich möchte weiter als Leih-Oma tätig sein." Weil Zeit schenken verbindet und Gemeinschaft bringt. „Der Kleine nennt mich Oma!“, erzählt Wirth dann noch.
Sabine Ludwig
Das Angebot des Caritasverbandes für den Landkreis Miltenberg richtet sich an Familien und Alleinerziehende mit Kindern bis acht Jahre, unabhängig von Einkommen und Nationalität. Besonders Familien ohne ausreichendes soziales Netzwerk erhalten Unterstützung. Ehrenamtliche kommen ein- bis zweimal wöchentlich für ein bis vier Stunden nach Hause und entlasten die Familie. Interessierte im Raum Miltenberg wenden sich per E-Mail an: zeit-fuer-familien@caritas-mil.de. Wer sich über andere Ehrenamtsangebote der Caritas in Unterfranken informieren möchte, findet hier erste Ansprechpartner.









