Die Predigt im Wortlaut:
Zwei Pressemeldungen der vergangenen Tage, die mich nachdenklich gemacht haben:
- Die erste: Bischof Michael Gerber betonte beim Katholisch-Theologischen Fakultätentag in Fulda die gesellschaftliche Verantwortung der Theologie. In Zeiten politischer Umbrüche müsse sie argumentationsstark und über kirchliche Binnenlogiken hinaus zum Gemeinwesen beitragen. Angesichts globaler Krisen, politischer Polarisierungen und brüchiger internationaler Ordnungen rief er auf, sich selbstbewusst in gesellschaftliche Debatten einzubringen und unsere Grundüberzeugungen auch außerhalb kirchlicher Binnenlogiken verständlich zu machen. Er sprach von der gesellschaftlichen Relevanz der Theologie.
- Die zweite: Rund 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland würden die Kirchen vermissen, wenn es sie nicht mehr gäbe. Allerdings sagte nur jeder Achte, dass ihm konkrete Angebote wie Seelsorge, Kulturveranstaltungen und Glaubensvermittlung fehlen würden.
24 Prozent begrüßten in der Umfrage die Idee, christliche durch weltliche Feiertage zu ersetzen – beispielsweise ein Winterfest statt Weihnachten zu feiern. 44 Prozent der jüngeren Befragten befürworteten dies; unter den älteren waren es lediglich 16 Prozent.
Für mich passen beide Meldungen zusammen: die Mahnung des Bischofs, christliches Lebensbotschaften in verständlicher Weise in den Diskurs zu gesellschaftspolitischen Themen einzubringen und die Feststellung, dass nur wenige die typischen Angebote der Kirche als wichtig und hilfreich für sich erachten. Darin dokumentiert sich für mich die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte, dass viele in der Kirche zu wenig die Menschen, die Gesellschaft im Blick hatten und zu sehr mit sich selbst und mit binnenkirchlichen Fragen beschäftigt waren. Leider wirkte die Theologie oftmals auch zu abgehoben, zu wenig geerdet und für die Menschen schwierig verständlich.
Ganz anders wirkte Bischof Reinhold Stecher, an den wir uns in diesem Gottesdienst dankbar erinnern. Unvergesslich bleibt für mich die erste Predigt, die ich live von ihm hörte. Es war in der Jesuitenkirche beim Semestereröffnungsgottesdienst. In sehr verständlichen Gedanken ging er auf die Situation von uns Studierenden ein, die sich nicht nur Wissen aneignen sollen, sondern vor allem lernen müssen zu unterscheiden, was für das Leben wichtig ist.
Mit dieser Begabung hat er über Jahre hinweg Landauf Landab mit seinen Predigten, Vorträgen, Exerzitien, Ansprachen bei unterschiedlichsten Anlassen und vielfältigen Gruppen, ebenso mit seinen Schriften und Büchern unzähligen Menschen wichtige Impulse für ihr Leben gegeben. Alle seine Gedanken waren stets getragen von der Lebensbotschaft Gottes.
In meiner Aufgabe als Verantwortlicher für die Caritas in der Diözese Würzburg gebe ich immer wieder die meist kurzen, prägnanten Worte von Bischof Reinhold weiter, um meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihren Dienst zu inspirieren.
Nachdem ich eingangs zwei Pressemeldungen erwähnt habe, möchte ich heute zwei Worte von Bischof Reinhold im Blick auf die Sorge um die Menschen und den hilfreichen Dienst für sie zitieren:
„Du sollst die Hände der Hilfsbereitschaft nicht in die Hosentaschen der Gleichgültigkeit stecken.“ und „Man fragt nach der Not, nicht nach dem Glaubensbekenntnis!“
Diese Botschaften sind getragen von der Sendung Jesu zum Dienst am Nächsten. Es sind Botschaften, die jeder Mensch – gleich welcher Bildung – versteht. Und wer diese Botschaft verstanden hat, wird diese Dienste und Angebote der Kirche und ihrer Caritas nicht als überflüssig erachten.
Ich bin dankbar, dass mir Bischof Reinhold damals geraten hat, die Aufgabe in der Caritas zu übernehmen. Jede und jeder von uns ist heute hier, weil er und sie dankbar ist für einen bestärkenden Impuls. Deshalb wären die beiden eingangs erwähnten Pressemeldungen überflüssig, wenn die Botschaft der Kirche viel stärker in der Art von Bischof Reinhold vermittelt würde.
Wir sagen heute „Gott sei Dank“, dass er es so getan hat!
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerburg.de











