Dr. Stefanie Kainzbauer, 45 Jahre, ist Leiterin der Abteilung Profil und Entwicklung im Würzburger Caritashaus (in Teilzeit / aktuell im Tandem zusammen mit Dr. Sebastian Schoknecht). Im Interview und Rückblick berichtet sie von ihrer Verbindung zur Caritas und der Leidenschaft, für die Caritas zu arbeiten. Dr. Kainzbauer engagiert sich zudem für das Programm PLENTO (ganzheitliches Gesundheitsprogramm des Diözesancaritasverbandes).
Ausbildung:
Mein Studium (Dipl. Theologie sowie Dipl. Caritaswissenschaft) und meine Promotion (christliche Ethik) verbrachte ich in Passau sowie El Salvador (Mittelamerika). Mehrere Ausbildungen haben mir darüber hinaus bis heute ein wichtiges Fundament für meine Berufstätigkeit geschenkt: insbesondere meine mehrjährige intensive Ausbildung als systemische Coach (zert. DGSF), diverse Führungskurse, Qualifikationen in Kommunikation und Organisationsentwicklung und auch als Sporttrainerin oder zum Thema ganzheitliche Stärkung und Resilienz von Mitarbeitenden sowie zum Thema Gesundheit und Ernährung.
Hobbies:
Joggen, Krafttraining, Functional Training, Fernwandern, Musik (Akkordeon / Klavier / Kammermusik), Malen, Fremdsprachen.
12 Fragen – 12 Antworten
Wie kamen Sie darauf, sich bei der Caritas zu bewerben?
Ich habe Theologie studiert aus Interesse am weiten Spektrum dieses Faches und vor allem, um mich breit aufzustellen für verschiedene Berufsbranchen, da ich damals parallel auch noch Kulturwirtschaft in Passau studierte. Durch mein zusätzliches Studium der Caritaswissenschaft und vor allem meine Zeit in El Salvador wurde mir immer mehr klar, dass ich Sinnhaftigkeit in meinem beruflichen Tun und den Bodenkontakt zu den Menschen brauchte. Meine Arbeit mit den Menschen in den Armenvierteln von El Salvador, die tägliche Berührung mit extremer Armut hat mich zudem bis heute tief geprägt. Viele Jahre lang habe ich dort ein bis heute existierendes Bildungs- und Stipendienprogramm für benachteiligte Jugendliche gegründet, aufgebaut und begleitet. Als mich eine ehemalige Passauer Kollegin auf die konkrete Stellenausschreibung für die Leitung der damals neu gegründeten Abteilung mit den Bereichen Gemeindecaritas-Bildung-Engagementförderung und niederschwellige Dienste im Caritasverband für die Diözese Würzburg e.V. aufmerksam gemacht hatte, war die Bewerbungsfrist längst vorbei. Ich warf dennoch meinen Hut in den Ring, obwohl ich damals nicht auf der Suche nach einer Stelle war und mich mit meinem Niederbayern-Slang in Franken ohnehin niemand verstand. Aber auf einmal war ich bei der Caritas.
Was hat Sie dazu bewegt, Ihre berufliche Laufbahn dem karitativen Bereich zu widmen?
Wie gesagt: Das waren vor allem die Ärmsten der Armen, die Analphabeten und Benachteiligten von El Salvador, mein tägliches Miterleben von Gewalt und Leben am Rand der Gesellschaft in den dreckigen Slums, in denen mir das Wesentliche des Lebens sekündlich vor Augen geführt wurde. Diese extreme Situation hat auch meinen Blick auf mein eigenes Land Deutschland verändert: Sie zeigte mir, wie gut wir es hier haben, aber gleichzeitig auch, wie sehr die Schere zwischen Arm und Reich auch in Deutschland auseinandergeht und wie wertvoll gleichzeitig die vielen Angebote der Caritas für Menschen in allen Lebenslagen sind. Für mich ist die Caritas bis heute ein ganz besonderer Arbeitgeber.
Gab es einen Moment in Ihrer Arbeit, der Sie besonders tief berührt hat und den Sie nie vergessen werden?
Ich war in meinen ersten Jahren zuständig für eine große Abteilung, in der damals viel Aufbauarbeit passierte, auch für die damals frisch gestartete Fachambulanz für Sexualstraftäter sowie den Simonshof. Ich habe in meinen ersten Wochen viel hospitiert, unter anderem in diesen beiden Einrichtungen. Hier mitzubekommen, welche Schicksale Menschen erleben müssen und wie viel gleichzeitig ein Gespräch oder eine kleine Geste unserer hoch kompetenten Caritas-Mitarbeitenden geben kann, hat mich oft sehr berührt. Es waren also mehrere Momente …
Wie hat die tägliche Begegnung mit Menschen in schwierigen Lebenslagen Ihren Blick auf das Leben verändert?
Ich selbst bin demütiger geworden und versuche mir oft bewusst, den Blick fürs Ganze herzuholen, Dinge ins Verhältnis zu rücken und mir und anderen immer wieder das WOZU und WARUM unserer Arbeit vor Augen zu führen. Gerade im täglichen Umgang mit meinen Kindern hilft mir diese berufliche Erfahrung ebenso, um bei allem Klein-Klein und Herausforderungen des Alltags immer wieder den Blick fürs Wesentliche zu schaffen.
Welche Begegnung mit einem Menschen hat Sie persönlich am meisten geprägt – und warum?
Für mich war es vor allem die Begegnung mit einer jungen Frau, die weder lesen noch schreiben konnte, deren Kleidung von ihrer Armut und Suchterkrankung erzählte. Sie war unendlich talentiert und fähig. Ihre soziale Herkunft hatte ihr vieles im Leben verbaut. Aber ihr Wille, etwas aus ihrem Leben zu machen und die mögliche Unterstützung (damals im Rahmen der Suchtberatung der Caritas) als Chance für ihren persönlichen Lebensweg zu ergreifen, hat mich tief beeindruckt.
Was war Ihr traurigstes Erlebnis, das mit Ihrer Berufslaufbahn in Zusammenhang stand?
Traurig und ernüchternd zugleich: zu akzeptieren, dass es auch bei der Caritas wie in jeder Organisation menschelt und dabei manchmal Egoismus und Neid Zusammenarbeit und gemeinsame Prozesse sehr erschweren oder gar unmöglich machen können. Ich vertrete in meiner Führungsrolle stets die Haltung, Dinge zu ermöglichen und gemeinsam zu schauen, wie dies gelingen kann – Fehler und Scheitern mit eingeschlossen. Wenn jedoch Misstrauen, Egoismus und Missgunst überwiegen, beschäftigt mich das sehr und macht mich dann traurig, aber auch sprachlos und wütend, weil es nicht mehr um die eigentliche Sache der Caritas geht oder diese sogar unnötig erschwert.
Wie hat Ihre Arbeit, Ihre Werte, Ihr Mitgefühl oder Ihren Umgang andere Menschen beeinflusst?
Ich würde diese Frage gerne umdrehen und als meine persönliche Erkenntnis festhalten: Ich darf immer wieder feststellen, dass ich meine Werte, mein mir wichtiges Mitgefühl und meinen Anspruch, respektvoll mit anderen Menschen umzugehen, in meiner Arbeit bei der Caritas leben kann.
Gab es Zeiten, in denen Sie emotional an Ihre Grenzen gekommen sind? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
Ja, die gab und gibt es im Auf und Ab eines Führungsalltags natürlich immer wieder. Die entscheidende Grenze war für mich vor allem erreicht, als das Pensum meiner Arbeit nicht mehr zusammen passte mit den strukturellen Gegebenheiten sowie familiären Herausforderungen. Hier musste ich akzeptieren, dass es für alles eine Zeit gibt und in manchen Lebensphasen eben nicht alles auf einmal geht. Hier half mir vor allem meine eigene Bereitschaft, mich selbst zu reflektieren, aber auch der stetige Rückhalt und das Vertrauen in meine Person durch die Verbandsleitung sowie seitens ehrlicher und bestärkender Kolleginnen und Kollegen. So entstanden verschiedene Führungsmodelle, die es mir erlaubten, weiterhin in Führungsaufgaben dabei zu bleiben, wenn auch in Teilzeit und mit so manchen Einschränkungen. Dafür bin ich bis heute sehr dankbar.
Was sind die Herausforderungen, mit denen Sie beim PLENTO-Programm zu tun haben?
Vor allem damit, dass viele Menschen in den unterschiedlichen Caritas-Einrichtungen und Diensten zwar signalisieren, wie wertvoll und relevant unsere PLENTO-Angebote sind, aber die knappe Zeit und fehlende finanzielle Möglichkeiten oftmals gegen die Teilnahme sprechen.
Was hat Ihnen in Ihrer Berufstätigkeit Kraft gegeben, auch in belastenden Situationen weiterzumachen?
Vor allem diese drei Punkte:
1. Meine Kinder: Ihnen will ich als Mutter fürs Leben vor allem genau das mitgeben: nämlich, dass es sich lohnt, auch in belastenden Situationen nicht sofort aufzugeben, sondern sich um einen Weg zu bemühen und diesen – wenn nötig und möglich – auch mit Unterstützung durch andere Menschen zu gehen. Diese Haltung will ich zumindest gerne vorleben und dafür halte ich mir selbst regelmäßig den Spiegel vor.
2. Menschen bei uns im Verband: Ich hatte all die Jahre immer wunderbare, motivierte und engagierte Personen um mich herum, die immer zur Stelle waren und auf die stets Verlass war, auch wenn es harte Momente und Phasen gab - sei es in der eigenen Abteilung oder darüber hinaus.
3. Meine Musik und mein Sport: Ich erlebe im Musizieren, im Musik-Hören und im Sport eine tiefe Spiritualität, in der ich auch immer wieder erfahre, dass es mehr als alles geben muss, vor allem dann, wenn etwas frustriert oder aussichtslos erscheint. Diese Kraft kann ich gut anzapfen für meinen Alltag.
Gibt es etwas, das Sie rückblickend anders machen würden – oder etwas, auf das Sie besonders stolz sind?
Anders machen: Ich würde in manchen Situationen früher für Klarheit sorgen.
Stolz: Ich bin stolz darauf, dass es immer wieder Personen insbesondere in meiner Abteilung gab und gibt, die mit hoher Motivation mitgehen und mitgestalten und für Ideen zu gewinnen sind; und ich bin stolz darauf, dass ich aus der eigenen jahrelangen Führungserfahrung mit allen Hoch- und Tiefpunkten mittlerweile viele Führungskräfte auch in ihren Prozessen begleiten durfte in Rahmen von Coachings oder als Referentin von Workshops oder Führungsqualifikationen, die dadurch eine wirkliche Veränderung erlebt haben. Das macht mich sehr dankbar und freut mich.
Welche Botschaft oder Lebenserfahrung möchten Sie Menschen beziehungsweise Ehrenamtlichen mitgeben, die darüber nachdenken, anderen zu helfen?
Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es oft einfach darum geht, den ersten Schritt zu machen und nicht zu lange zu überlegen. Den perfekten Zeitpunkt gibt es selten. Oft sind es schon kleine Gesten – Zeit schenken, wirklich zuhören oder einfach da sein, die für einen anderen Menschen einen großen Unterschied machen können. Helfen ist dabei keine Einbahnstraße. Im Gegenteil: Wer sich engagiert, schenkt nicht nur anderen etwas, sondern nimmt oft selbst wertvolle Erfahrungen, neue Perspektiven und bereichernde Begegnungen mit.
Sabine Ludwig





