Die Predigt im Wortlaut:
„Wenn Gott nicht bald ein Machtwort spricht, sehe ich schwarz!“ – so antwortete ein Freund auf meinen Gruß zum neuen Jahr. Ich hatte im Blick auf die Situation in der Welt ein Wort von Mutter Teresa zitiert: „... Wie können wir Frieden in die Welt bringen, wenn wir keinen Frieden in uns haben?“ In der Tat werden die Zweifel über die Motivation derjenigen immer größer, die vorgeben, Frieden herbeiführen zu wollen. Deswegen hofft mein Freund auf ein „Machtwort“ von Gott.
„Ein Machtwort!“ wird erwartet – nicht nur im Ukrainekrieg oder im Gaza-Konflikt.
„Ein Machtwort!“ wird erwartet – in den aktuellen politischen Diskussionen um Sozialleistungen, um Wirtschaftsförderung, bei den Regelungen zu Gestaltung der Arbeitswelt, ebenso in der Bildungspolitik.
„Ein Machtwort!“ wird erwartet im Disput um die Definition, wer und was Familie ist, wie auch bei Fragen des Lebensschutzes.
„Ein Machtwort!“ wird aber auch erwartet im innerkirchlichen Richtungsstreit.
„Ein Machtwort“ soll jeweils für Ordnung sorgen und letztlich alle und alles weiterbringen.
An Worten mangelt es in unseren Tagen nicht. Es wird viel, sogar sehr viel in Parlamenten, in Konferenzen geredet – denken wir nur an die Krisentreffen zum Ukrainekrieg oder zum Gaza-Konflikt. Es wird viel geredet in den Medien, in Talkshows, über Podcasts, über viele Kanäle der sogenannten „social media“, übers Internet und das Handy. Zumeist wird aber mehr über und weniger mit anderen geredet und wenn, dann mit einer „Hau-drauf-Rhetorik“.
Das eigene, persönliche und damit menschliche Wort geht mehr und mehr verloren. Man kann viel reden und hat im Grunde nichts gesagt – schlimmer noch: man kann vieles auch totreden.
- Gerade in unserer Zeit, die am laufenden Band Worte produziert, sind Diskussionen – selbst um komplexe, schwierige und lebenswichtige Fragen – zum Geschwätz verkommen. In dieser Zeit wären klare Worte fürwahr entscheidend. Wenn ich persönliche Worte „persönliche Worte“ sage, meine ich, dass etwas durchklingt von der eigenen inneren Haltung wie es das lateinische Wort „personare“ – Person – zum Ausdruck bringt.
- Gerade in unserer Zeit, in der Worte und noch so feierlich ausgesprochene Zusagen, schnell in Vergessenheit geraten, wobei es nicht selten heißt: „Was interessiert mich heute mein Geschwätz von gestern!“ und Meinungen, Äußerungen, Stellungnahmen, Haltungen in kürzester Zeit auf den Kopf gestellt, ins Gegenteil verkehrt werden, in dieser Zeit wären verlässliche Worte sehr wichtig.
- Gerade in unserer Zeit, in der viele zu allem „Ja“ sagen und alles als „gleich – gültig“ bewertet wird, in dieser Zeit bräuchte es klare Haltungen und eindeutige Worte.
- Gerade in unserer Zeit, in der in wichtigen Punkten trotz gleicher Sprache aneinander vorbeigeredet und letztlich nur der eigene Vorteil verteidigt wird, in dieser Zeit bräuchte es verbindliche und verlässliche Worte.
In der Tat gibt es Worte, die rühren an, die berühren, die bewegen. Es gibt Worte, die sind treffend, die bringen zum Ausdruck, welche Haltung dahintersteht, die treffen ins Herz. Solche Worte sind verbindlich, sie verbinden Menschen. Solche Worte bauen auf, ermutigen, bestärken, machen Leben möglich. Das sind nicht nur Worthülsen und Floskeln.
„Von der Macht der Worte“ habe ich einmal gelesen. Es wurde beschrieben, dass es darauf ankommt, welches Leben in den Worten steckt. Worte können wirklich Kraft haben, ohne zu bedrohen und zu erschlagen. Worte können die Macht haben, Leben zu wecken, Vertrauen zu bestärken, sie können Menschen ermutigen.
An Weihnachten geht es um das Wort, das Gott in unsere Welt hineingesprochen hat:
„Alles ist durch das Wort geworden …“, so haben wir im Evangelium gehört.
Wie in Betlehem vor über 2000 Jahren, so spricht Gott auch heute durch Jesus sein Wort in unsere Welt hinein. Es ist kein Allerweltswort, keine fromme Phrase, sondern Gottes Wort an uns. Deswegen hören wir heute nochmals das wichtige Evangelium vom Weihnachtsfest.
Gott ist nicht in eine virtuelle Welt, in eine Traum- oder Scheinwelt gekommen, sondern in unsere konkrete Welt mit all ihren Nöten, Problemen, mit all ihren Enttäuschungen, Ungerechtigkeiten und Konflikten, mit all dem Leid. Gott spricht seine Botschaft in unsere Welt mit all ihrem Auf und Ab – und zwar für alle Zeit und immer wieder, in jede Generation. Das Besondere ist, dass Gott nicht von oben herab spricht, sondern von Mensch zu Mensch.
Gott ist nicht in die Welt gekommen, damit wir uns die Köpfe über ihn heißreden und gleichzeitig unser Herz „cool“ bleibt. Er will unser Herz berühren: Du kannst auf mich zählen, ich lasse dich nicht allein. Das sagt Gott zu uns Menschen an Weihnachten nur mit einem Wort, nämlich „Jesus“. Er ist mit seiner Person in der Tat „ein Machtwort“!
Gott hat in seinem Sohn nicht alles von oben herab regeln wollen, sondern ist dem Letzten noch Bruder geworden. Man kann nicht von Weihnachten reden, ohne von Gott zu sprechen. Weihnachten kommt nicht aus uns, sondern zu uns. Es ist nicht unsere Tat, sondern sein Wort.
Wir hätten sein Wort nie gehört, wenn es nicht Menschen gegeben hätte – wie Maria – die es in sich aufgenommen haben. Und Menschen, die sein Wort, seine Botschaft, die IHN aufnehmen, bringen Leben in die Welt. „Allen, die es aufnahmen, gab er Kraft, Kinder Gottes zu werden“, heißt es im Evangelium. Der Mensch, der sein Leben Gott verdankt, der weiß, dass er von Anfang an ein Empfangender ist. Es kommt also von Weihnachten aus an jedem Tag und in jeder Situation darauf an, „in sich“ zu gehen und „zu sich“ zu kommen, denn nur so können wir sein Wort in uns aufnehmen.
„Das Wort ist Fleisch geworden“, hat ein Gesicht bekommen und einen Namen: Jesus Christus. Deshalb sind für uns die Menschen so wichtig und wertvoll, durch die uns das Wort Gottes nahekommt, die es uns glaubhaft bezeugen durch ihr Wort und ihr Tun. So wird für uns das Wort Gottes konkret.
Wer sich SEINE Worte, SEINE Frohe Botschaft zu eigen macht und verinnerlicht, der kann sich letztlich nicht gegen das Leben, der kann sich nicht gegen Gerechtigkeit aussprechen.
Wer sich seine Worte zu eigen macht, für den dreht sich im Leben nicht alles nur um Macht und Geld, um strategische und letztlich wirtschaftliche Vorteile, um geopolitische Vormacht, um Ideologie, um ideologische Vorherrschaft.
Zu diesem Punkt wurde Papst Leo in seiner Silvesterpredigt sehr konkret und deutlich. Er hat die Bestrebungen der Großmächte, die Welt nach ihren Interessen aufzuteilen, kritisiert. Die heute weltweit dominierenden Pläne seien „Strategien, die darauf abzielen, Märkte, Gebiete und Einflussbereiche zu erobern. Bewaffnete Strategien, die sich in heuchlerische Reden verhüllen, in ideologische Parolen und in falsche religiöse Beweggründe.“ Fürwahr ein „Machtwort“! „In unserer Zeit spüren wir das Bedürfnis nach einem weisen, wohlwollenden und barmherzigen Plan. Nach einem Vorhaben, das frei ist und frei macht, das Friede verheißt und treu ist“, so der Papst. Die Welt werde „vorangebracht von der Hoffnung, dass die Zukunft in den Händen dessen liegt, der ihnen die größte Hoffnung schenkt.“
Es kommt im Leben auf eindeutige Worte an. Am fleischgewordenen Wort Gottes scheiden sich die Geister. Deshalb versuchte man damals wie auch heute diese Botschaft zu übertönen. Aber sie dringt durch, sie geht zu Herzen, und wir können auf sie vertrauen.
Im Grunde möchte doch jeder wissen, wo er dran ist. Deshalb sind wir schnell enttäuscht von Menschen, die nicht halten, was sie versprechen oder die zu allem und jedem „Ja“ sagen.
Ob es um Fragen von Krieg und Frieden geht, um Fragen der sozialen Gerechtigkeit, um die Bewahrung der Schöpfung, um die Würde menschlichen Lebens, um Familie und Kinder, um die Pastoral, um das bei-den-Menschen-sein in ihren unterschiedlichsten Nöten geht, es braucht klare, verlässliche Worte. Zu Weihnachten wie auch jetzt zum Jahreswechsel gab es feierliche Reden von den Verantwortlichen in Staat, Gesellschaft, Medien und Wirtschaft, wie auch in der Kirche. Aber wie stark diese Worte sind, zeigt sich nach den Feiertagen im konkreten Alltag. Deswegen ist es wichtig, dass wir heute nochmals das Evangelium hören von dem Wort, das Gott durch Jesus in die Welt hineingesprochen hat.
Gott spricht durch Jesus die Menschen an. Und er hält, was schon im Kind in der Krippe deutlich wurde: Er ist für alle Menschen da! Das menschgewordene Wort Gottes, das Leben – sogar über den Tod hinaus – verheißt, erwartet unsere Antwort. Wenn dieses Wort und SEINE Botschaft heute durch uns zur Welt kommen, dann wird das Leben zum Fest – auch wenn der weihnachtliche Schmuck wieder aus vielen Wohnungen verschwunden ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir Christen die Botschaft des menschgewordenen Wortes Gottes bezeugen durch unser Leben.
Es braucht in der Tat „ein Machtwort!“, ein Wort, das die Welt bewegt, das die Menschen wirklich Menschen werden und sein lässt, das die Welt menschlich und liebenswert macht! Gott hat es durch Jesus ausgesprochen. Wir sollen es weitergeben in Wort und Tat. Dann werden die Welt und das Leben mit Zuversicht und Hoffnung erfüllt.
Wenn die sogenannten „Machtworte“ dieser Welt gefüllt sind mit der Botschaft und dem Geist des menschgewordenen Wortes Gottes, SEINEM „Machtwort!“, dann brauchen wir nicht „schwarz sehen“, nein, dann gehen wir einer gesegneten Zukunft entgegen! Die Frage ist halt, welchen Raum die Welt, welchen Raum wir dem Wort Gottes einräumen!
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-würzburg.de
Text zur Besinnung
Papst Johannes-Paul I. hat diese Wort formuliert:
Der Gott-Mensch in der Krippe spricht zu uns:
Ich war reich
und wurde arm;
ich bin herabgestiegen,
damit ihr hinaufsteigen könnt;
ohne aufzuhören, Gott zu sein,
bin ich Mensch geworden;
obwohl ich unendlich über euch war,
wollte ich einer von euch sein,
in eurer Mitte leben,
um euch zu zeigen,
wie man die wahre Geschwisterlichkeit
und die wahre Freiheit lebt.
Armut
Vergöttlichung,
Geschwisterlichkeit
und Freiheit;
das sind die Schlüsselworte von Weihnachten,
die Schlüsselworte der Menschwerdung Gottes.
Johannes-Paul I. (+1978)





