Die Predigt im Wortlaut:
„Es kommt nicht darauf an, ständig in die Kirche zu rennen, es ist wichtiger, etwas Gutes zu tun!“, so äußerte sich kürzlich eine junge Frau beim Gespräch über die religiöse Erziehung ihres Kindes. Mit „in die Kirche rennen“ war aber nicht nur die Mitfeier des Gottesdienstes gemeint, sondern die Glaubenspraxis insgesamt, also das Sprechen über Gott, das Beten, das religiöse Brauchtum, sowie das soziale Verhalten aus religiöser Grundhaltung heraus; im Grunde ging es um den Glauben überhaupt.
Die Aussage der jungen Frau suggeriert, dass jemand, der den Glauben regelmäßig praktiziert und feiert, ein weniger guter Mensch sei, als derjenige, der dies nicht tut.
So besehen müssten eigentlich unsere Gesellschaften in der westlichen Welt immer besser werden, denn die Zahl der Menschen, die sich von den Kirchen abwenden, wird immer größer, und die Zahl der Kirchgänger nimmt weiter ab.
Ganz im Gegenteil aber nehmen soziale und psychische Probleme zu und damit die Aussichtslosigkeit, die Menschen empfinden. Außerdem kann sich jeder selbst ausmalen, was die demographische Entwicklung, die damit einhergehende Alterung sowie die immer größer werdende Zahl von problembelasteten jungen Menschen für das soziale Gefüge unserer Gesellschaften in Zukunft bedeuten.
Nun kennen wir die üblichen Reaktionen in der veröffentlichten Meinung der Medien sowie im vielstimmigen Chor der Politik. Sofort werden im Blick auf die verschiedenen Probleme: die Demographie oder soziale Ungerechtigkeiten oder Alkohol oder Drogen oder zunehmende Gewaltbereitschaft gesamtgesellschaftliche Präventionsmaßnahmen gefordert. Bei den weiterhin niedrigen Kinderzahlen wird z.B. darauf hingewiesen, dass der Ausbau der Krippenplätze und die staatlichen Hilfen noch nicht ausreichend seien.
Mir scheint, diejenigen, die nur auf strukturelle Maßnahmen oder finanzielle Leistungen verweisen, machen es sich zu leicht. Mit der Freigabe von Cannabis z.B., wie jetzt bei uns in Deutschland geschehen, sorgen wir letztlich sicher nicht für mehr Freude, Glück und Zufriedenheit von jungen Menschen!
Ich meine, neben allen nötigen Unterstützungen und hilfreichen Einrichtungen von Seiten der Gesellschaft und des Staates muss vielmehr die derzeit gängige Lebenssicht und Lebenseinstellung der Menschen grundsätzlich überdacht werden.
Ob ich nun die Kinderlosigkeit – besonders unter Akademikern – in den Blick nehme oder das Problem des Alkoholkonsums von Jugendlichen: Es bleibt festzustellen, dass der Staat nur Rahmenbedingungen schaffen kann und sich außerdem davor hüten muss, Eltern zu bevormunden bzw. die Bedeutung von Familien als dem ersten, dem wichtigsten und prägendsten Lebensort zu untergraben. Vielmehr muss der Staat alles unternehmen, um Familien zu stärken und Eltern zu befähigen, Kinder zu einem guten und sinnvollen Leben anzuleiten. Geborgenheit, Liebe und stabile Eltern-Kind-Bindung sind die beste Prävention, um negative Entwicklungen zu verhindern.
Um die genannten Probleme von der Wurzel her zu überwinden, käme es auf eine wesentlich weitere Sicht des Lebens an. Es genügt nicht, nur den Augenblick zu sehen. Es braucht vor allem Vertrauen in die Zukunft. Doch ein tragfähiges Vertrauen ins Leben und in die Zukunft kann nicht staatlich organisiert werden. Es gründet vielmehr in Gott! Von daher werden auch Verantwortungsgefühl und Bindungsfähigkeit gestärkt. Doch statt Gott und den Glauben an IHN haben mehr und mehr Menschen in unserer sogenannten freien Welt vor allem das Materielle, die Welt der Wirtschaft, der Finanzen und des Arbeitsmarktes und oft genug nur kurzfristigen Spaß und Fun im Blick gerade auch bei der Bewertung der Welt und des menschlichen Lebens.
Es ist im wahrsten Sinne des Wortes not – wendig, über die geistige und geistliche Grundlage unseres Lebens nachzudenken, darüber, was uns wirklich trägt und hält und Zukunft schenkt.
Mehr und mehr wird deutlich: Der Rationalismus, der das Leben allein mit unserem letztlich immer begrenzten Verstehen zu erklären sucht, kann die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen und ihres Herzens nicht wirklich bleibend erfüllen. Und durch den Relativismus, bei dem alles gleich gültig ist, wird in der Tat bald alles gleichgültig. Damit verliert das Leben aber Tiefe, Sinn und Ziel. Dann darf man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen nur noch den Augenblick auskosten und deshalb die Entscheidung treffen, z.B. keine Kinder zu wollen, um jetzt ihr „Leben genießen zu können“, oder dass Heranwachsende und Jugendliche alles Mögliche ausprobieren, um Spaß, Fun und Glücksgefühle zu erleben, weil sie zu wenig Geborgenheit erfahren und keine Orientierung erhalten.
Zu den eigentlichen Bedürfnissen des Menschen gehören eben auch ein geistiges und geistliches Fundament, sowie Zuneigung und Liebe, die über das Vordergründige hinausgehen und die Liebe Gottes erfahrbar machen.
Man kann Kindern noch so viel bieten oder noch so viel Taschengeld zur Verfügung stellen, wenn sie keine Zuneigung und Liebe spüren, sind sie letztlich „arm dran“.
Deshalb empfinde ich es als erschreckend, was mir eine junge Mutter jetzt kürzlich erzählte. Als sie – wie gewohnt – abends mit ihren beiden Buben den Tag bedenken und abrunden wollte, um dann alles im Gebet Gott anzuvertrauen, sagte der Jüngere mit seinen acht Jahren: „Ich bete nicht mehr mit!“ Auf die Nachfrage der Mutter: „Warum?“, antwortete der Kleine: „Ich habe heute in der Schule mein Sorgenpüppchen bekommen. Dem kann ich alles sagen.“
Dem Kind wird offenbar nicht geholfen, eine persönliche Beziehung zu Gott zu entfalten, wie es seine eigenen Eltern tun, dem Buben wird einfach ein Püppchen für seine Sorgen angeboten.
Die eingangs zitierte Aussage einer jungen Frau im Blick auf die Erziehung ihres Kindes: „Es kommt nicht darauf an ständig in die Kirche zu rennen, es ist wichtiger, etwas Gutes zu tun!“, ist für mich sehr fragwürdig. Denn ich erlebe viele Menschen, die aus der Frohen Botschaft Orientierung für ihr Leben gewinnen und aus der Kraft der Communio mit Jesus einen sinnvollen Weg gehen und von daher geprägt viel Gutes tun in den großen und den vielen kleinen Herausforderungen des Lebens.
Das war auch die Erfahrung, die über 50 000 Jugendlichen bei der großen Ministrantenwallfahrt nach Rom in der vorletzten Woche machten: Der Glaube verbindet, der Glaube macht froh, der Glaube macht Mut.
Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt hier sind, unseren Glauben vertiefen und uns stärken mit dem Brot des Lebens, in dem sich Jesus selbst an uns verschenkt. Von der Begegnung mit IHM können wir im Auf und Ab unserer Tage viel Gutes tun, damit das Leben des Einzelnen und das Zusammenleben der Menschen gelingen und die Welt Zukunft hat.
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Seht, das Brot, das wir hier teilen
das ein jeder von uns nimmt
ist uns von dem Herrn gegeben
immer will er bei uns sein
Seht, das Brot, das wir hier teilen
das ein jeder von uns nimmt
ruft nach Brot, um zu ernähren
alle Hungernden der Welt
Seht, was wir hier heute feiern
was wir miteinander tun
will uns neu mit ihm verbünden
dass wir tun, was er getan
(Autor unbekannt)









