Die Predigt im Wortlaut:
Wir stehen an der Jahreswende. Im Blick auf das kommende Jahr 2026 hat die ZEIT eine Umfrage unter ihren Korrespondenten veröffentlicht mit der Überschrift „17 Gründe, warum 2026 großartig wird“. Es geht um die Weltpolitik, um kleine und große Entwicklungen, aber auch um privates Glück. ZEIT-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter berichten, was sie für das neue Jahr zuversichtlich stimmt.
- Die Korrespondentin für die Ukraine ist zuversichtlich, weil sie erlebt, dass die Menschen trotz aller Bedrohungen für ihr Land weitermachen wollen.
- Die Korrespondentin für den Nahen Osten spürt trotz aller Gewalt, die noch vorherrscht, eine Aufbruchstimmung in Richtung eines möglichen friedlichen Zusammenlebens.
- Die Korrespondentin für die USA ist überzeugt, dass die Mehrheit der Amerikaner – entgegen dem aktuellen politischen Erscheinungsbild – an die Gewaltenteilung und die Demokratie glaubt.
- Ein Redakteur ist sich gewiss, dass Europa, das derzeit vielfach schlecht geredet wird und dessen politisches Miteinander gefährdet ist, sich auf mehreren Gebieten – eben auch im Sport, z.B. bei der Fußball-Weltmeisterschaft – als stark erweisen wird.
- Eine Redakteurin begründet ihren Optimismus im Blick auf unsere Gesellschaft mit der Bereitschaft zu Solidarität und Engagement, die sie wahrnimmt.
- Ein Reporter verweist auf Fortschritte in der Welt der Technologie, aber auch der Gesundheit und ist deshalb zuversichtlich.
- Eine Politikredakteurin schreibt, dass sie fast jeden Tag in Weltuntergangsstimmung verfallen könnte, aber sie erlebt, dass es in allen Krisen bei gutem Willen auch Lösungen gibt. Wörtlich: „Mich verblüfft jedes Mal aufs Neue, dass es diese wirklich gibt. Ob sie auch umgesetzt werden, ist dann eine andere Frage. Aber es gibt überall Menschen, die daran arbeiten – sogar dort, wo die Chancen auf Erfolg gerade sehr gering sind. Sie alle eint so ein Gefühl von trotz alledem. Das macht Mut.“ Deshalb schreibt sie im Blick auf sich selbst: „Ich zum Beispiel will weiter versuchen, ein Optimist zu sein.“
Solche Äußerungen beinhalten zwar noch keine konkreten Veränderungen bzw. Ergebnisse, aber sie machen Mut und zeigen den Menschen, dass es wichtig ist, sich zu engagieren. Solche Äußerungen sind wichtig am Ende eines Jahres, in dem sehr viel negative Stimmung vorherrschte und teilweise bewusst gemacht wurde.
Wir stehen an der Jahreswende und wünschen uns, dass das kommende, neue Jahr Hoffnung weckt und Mut macht. Und damit bin ich bei dem Anlass, der uns heute Abend hier in Waldzell zusammengeführt hat. Wir erinnern uns an die Errichtung und Segnung der künstlerisch beeindruckenden Statue der Hl. Gertrud in der Ortsmitte vor 25 Jahren. Damit beginnt zugleich für die Christen hier in Waldzell das Gedenkjahr an die Hl. Gertrud, die 626 – vor 1.400 Jahren – geboren wurde, also in die Welt kam und mit ihrem Leben wichtige Impulse gab.
Im 7. Jahrhundert – zur Zeit der Gertrud von Nivelles – lebten die meisten Menschen als Bauern in einfachen Dörfern. Ihr Alltag war geprägt von harter Feldarbeit. Sie lebten – bildlich gesprochen – von der Hand in den Mund, oder wie es die Historiker bezeichnen würden, von Selbstversorgung. Die Menschen hatten nur eine kurze Lebenserwartung, weil Krankheit und Tod alltäglich waren.
Ihre Welt war sehr klein. Sie waren stark an ihre lokale Umgebung gebunden, kannten kaum das Umland. Das Leben war einfach und mit schlechter Hygiene. Oft lebten sie gemeinsam mit dem Vieh in Lehmhütten.
- Die soziale Ungleichheit – die wachsende Kluft zwischen armen Kleinbauern und reichen Großgrundbesitzern – prägte die Gesellschaft.
- Im damaligen Feudalsystem genossen Adelige Privilegien, während die Bauernschaft ein karges Leben führte.
- Das Leben der Menschen war beschwerlich.
In dieser Zeit veränderte die neue islamische Weltmacht den Mittelmeerraum und eröffnete neue Handelswege.
In dieser Epoche kam Gertrud zur Welt. Sie wuchs in einer adeligen Familie auf, die zur Verwandtschaft Karls des Großen zählte. Mit 14 Jahren trat sie in die von ihrer Mutter gegründete Abtei in Nivelles ein. Mitte des 7. Jahrhunderts gründete sie selbst die Benediktinerinnenabtei in Karlburg und setzte hier ein erstes wichtiges und nachhaltiges Zeichen. Die Abtei war eines der ersten Klöster im mainfränkischen Raum, das sich besonders um Arme, Kranke und Gebrechliche kümmerte.
Die Sorge um Hilfsbedürftige und Bildung waren ihr Herzensanliegen. Gertrud, selbst sehr gebildet, setzte sich dafür ein, dass auch Mädchen die Heilige Schrift lesen sollten. Außer der Krankenfürsorge versorgte sie fahrende Schüler und Wandergesellen. Für irische Wandermönche, die sie in ihr Kloster gerufen hatte, ließ sie ein Spital bauen. Mit großem Engagement betreute sie nicht nur Pilger, sondern auch Kranke. Sie nahm sich um Witwen, also sozial benachteiligte Frauen, und auch um Gefangene an. Gertrud wurde bald als „Schutzherrin der Landstraße“ bekannt.
Gertrud hatte sich für den Weg mit Gott im Herzen entschieden. Und damit sind wir wieder bei der Umfrage der ZEIT unter ihren Redakteuren und Korrespondenten. Es braucht gewiss Optimismus und den Willen von „trotzdem“, mehr noch aber braucht es das Vertrauen in Gott und von daher feste Hoffnung und Zuversicht. Um es noch deutlicher zu sagen: Es braucht eine Wende in der Lebenssicht und der Lebenshaltung der Menschen. Ob wir in der großen Politik auf die Mächtigen schauen oder unser unmittelbares Zusammenleben von Mensch zu Mensch in Blick nehmen: Es braucht eine Wende hin zum Miteinander aus dem Geist der Lebensbotschaft Jesu.
Viele der Probleme, die wir heute beklagen, sind nicht von allein entstanden, sondern durch eine zunehmend falsche Sicht des Lebens und der eigenen Verantwortung über Jahrzehnte hinweg – eben auch in unserem eigenen Land. Zu viele haben sich auf die anderen, die Gesellschaft verlassen und haben selbst zu wenig zu Solidarität beigetragen. Mehr und mehr ist eine Forderungsgesellschaft mit Vollkaskomentalität durch das Gemeinwesen entstanden. Und – wie wir derzeit erleben – erhalten nicht die Zuspruch und Unterstützung, die mehr Eigenverantwortung und stärkeren Gemeinsinn betonen, sondern die, die in populistischer Manier noch mehr staatliche Leistungen einfordern.
Es braucht ein Umdenken! Und damit sind wir bei der Jahreswende, bei der Wende hin zu einem hoffentlich guten Jahr, in dem das Miteinander gestärkt wird und in dem wir gemeinsam einer Zukunft entgegengehen, in der möglichst alle Menschen zuversichtlich sein können. Es braucht eine Wende nicht nur im Kalender, sondern im Herzen und damit im Bewusstsein der Menschen.
In der Lesung aus dem ersten Johannesbrief, die wir gehört haben, hieß es: „Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet; daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch einen Lebenswandel führen, wie er ihn geführt hat.“ Genau das hat die Hl. Gertrud getan. In dieser Haltung hat sie gelebt und gewirkt und damit Zeugnis für die Lebensbotschaft gebracht. Sie brachte somit Licht in das Leben der Menschen, in dem es viel Dunkel, in dem es viel Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit gab.
Die Menschwerdung Gottes, die Simeon, wie wir im Evangelium gehört haben, pries, hat die Hl. Gertrud sich zu eigen gemacht. „… ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ Für sie war Jesus und seine Frohe Botschaft DER Lichtblick für die Welt. Mit IHM im Herzen wurde sie selbst ein Lichtblick für die Menschen, die ihr begegneten.
Es genügt also nicht, einfach ein Optimist zu sein in der Hoffnung, dass nicht alles so schlimm wird. Es braucht eine Wende im Herzen und von daher die Bereitschaft, in seinem Geist Verantwortung zu übernehmen und das Miteinander in Gesellschaft und Welt zu gestalten. So wird sich dann nicht nur eine Jahreswende ereignen, es wird eine Wende zum Besseren erfolgen. Das Jubiläumsjahr „1400 Jahre Gertrud von Nivelles“ möge dazu beitragen. Das Denkmal für die Hl. Gertrud in der Ortsmitte von Waldzell möge daran erinnern, dass es weniger „17 Gründe, warum 2026 großartig wird“ gibt, sondern vor allem EINEN Grund, nämlich – wie bei der Hl. Gertrud – der Weg mit Gott im Herzen.
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
WIR HEUTE
Es ist sicher,
dass wir schneller fahren
höher fliegen und weiter sehen können
als Menschen früherer Zeiten.
Es ist sicher,
das wir mehr abrufbares Wissen
zur Verfügung haben
als jemals Menschen vor uns.
Es ist sicher,
dass Gott sein Wort noch niemals
zu einer besser genährten gekleideten
und bessergestellten Gemeinde sprach.
Es ist nicht sicher,
wie wir bestehen werden vor seinem Blick.
Vielleicht haben wir
mehr Barmherzigkeit nötig
als alle, die vor uns waren.
(Lothar Zenetti)





