Die Predigt im Wortlaut:
„Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott ins Zentrum zu stellen!“ Das hat der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Heiner Wilmer, bei der Pressekonferenz unmittelbar nach seiner Wahl gesagt. Er hat also nicht gleich eine Strategie verbunden mit Strukturplänen sowie Satzungen und Geschäftsordnungen benannt oder Kompetenz- bzw. Machtfragen aufgezählt, um die Kirche in unserem Land weiterzuentwickeln, sondern ganz klar gesagt: „Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott ins Zentrum zu stellen!“
Das ist umso bemerkenswerter, als im Vorfeld der Bischofskonferenz und der anstehenden Wahl eines neuen Vorsitzenden der frühere Bundespräsident Christian Wulff und die Präsidentin des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland Irme Stetter-Karp gemeinsam einen Appell an die Bischöfe gerichtet haben: „Der eingeschlagene Weg muss mutig und entschlossen weitergegangen werden.“ Dazu werden immer wieder die Themen genannt: Frauen in Leitungsfunktionen, Zulassung zu Weiheämtern, transparente Entscheidungsstrukturen, Kompetenzen und Macht, Aufarbeitung von Fehlern und Schuld usw.
Dem gegenüber erwartet der Publizist Bernhard Meuser vom neuen Vorsitzenden „die Überwindung der innerkirchlichen Spaltung“. Er bemängelt, dass in den zurückliegenden Jahren die Kirche in Deutschland „zentrifugal auseinandergeflogen“ sei. „Ohne etwas Hilfe von ganz oben wird es Jahrzehnte dauern, bis die Kirche wieder an das Evangelium erinnert und nicht an einen zerstrittenen Hühnerhaufen.“
Umso bemerkenswerter ist das Wort von Bischof Heiner Wilmer: „Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott ins Zentrum zu stellen!“ Das sagt er sehr wohl wissend, dass eine Fülle von Fragen und Herausforderungen anstehen, um in unserer Gesellschaft deutlich zu machen, was vordringlicher Auftrag und Sendung der Kirche ist.
In einer Gesellschaft, in der Zuversicht und Hoffnung mehr und mehr schwinden, in der Unsicherheit und Sorge um die Zukunft zunehmen, in der sich wirtschaftliche Sorge und Existenzängste breit machen, in der die politischen Entwicklungen im Land wie auch in Europa und weltweit bedenklich stimmen, in dieser Epoche ist das Zeugnis für die Frohe Botschaft und die Wegweisung Gottes zu einem gelingenden Leben geradezu not – wendig.
Dazu kommen dann die weiteren Fragen, wie wir als Kirche mit geschiedenen und wiederverheirateten Paaren umgehen sowie mit den gesellschaftlich immer mehr akzeptierten alternativen Lebensformen? Welche Bedeutung hat die Familie, welches ist die beste Form von Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern? Wie steht es in unserer Gesellschaft um den Lebensschutz, von der pränatalen Diagnostik bis hin zur Sterbehilfe, wie um Achtung und Respekt auch vor behinderten, kranken, hilfs- und pflegebedürftigen Menschen? All die vielen Fragen der Ethik und Moral im Umgang miteinander bis hin zu dem weiten Feld der Finanzen, der Wirtschaft- und der Arbeitswelt sowie einer sozial gerechten Gesellschafts- und Weltordnung stehen auf dem Prüfstand.
Wenn wir zu all diesen Themen noch die vielen Krisen-, Konflikt-, Kriegs- und Terrorgebiete in der Welt in den Blick nehmen, daneben die brennenden Fragen der Kirche bedenken, dann wird schnell klar, wie wichtig der Hinweis auf Gott und seine Lebensbotschaft ist.
Um als glaubwürdige Boten und Zeugen der Frohen Botschaft erachtet zu werden, ist es unerlässlich, wie wir uns als Kirche – im Unterschied zu vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen – dem Missbrauchsskandal und den Enttäuschungen, die dahinter stecken, stellen.
Ebenso dürfen wir nicht die pastoralen Defizite außer Acht lassen. Nicht wenige sind verwundert und enttäuscht über die neuen pastoralen Strukturen, bei der Dienst- und Bürozeiten und Zuständigkeiten definiert und organisiert werden, aber persönliche Erreichbarkeit und Präsenz von Seelsorge für die Menschen sehr eingeschränkt erscheinen.
Es gibt intensive Diskussionen über den Unterhalt bzw. Erhalt kirchlicher Immobilien – auch im sozialen Bereich. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Kirchensteuerzahler im Blick auf die Kosten für das berufliche Personal Anfragen haben, wenn sie wegen eines Termins z.B. für eine Taufe, eine Trauung, eine Beerdigung intensiv diskutieren müssen.
Die noch längst nicht wirklich aufgearbeitete Kirchen-Mitgliedschaft-Untersuchung – kurz: KMU – benennt konkrete Erkenntnisse, wodurch sich die Entfremdung von der Kirche bei vielen Zeitgenossen entwickelt hat und warum sich immer mehr von den Kirchen abwenden oder eben auch: warum sie bewusst bleiben.
Die Entfremdung hat sehr viel mit der persönlichen Distanz zu tun, die sich bei vielen über Jahre hinweg eingeschlichen hat aufgrund mangelnder persönlicher Verbindungen und Erfahrungen. Die Entfremdung hat aber auch damit zu tun, dass die Botschaft der Kirche nicht selten unverständlich ist bzw. in einer Sprache und Weise geschieht, die den Bezug zum Leben der Menschen nicht mehr deutlich macht. Zudem erscheint Kirche vielen als „geschlossene Gesellschaft“.
Der Blick für die Menschen, auf ihre Nöte und die Probleme der Gesellschaft, sowie die Art und Weise, in der wir den Menschen zur Seite stehen, sowie die Haltung, aus der heraus wir daran mitwirken, eine menschliche und solidarische Gesellschaft zu gestalten, sind deshalb wesentlich.
Damit sind wir bei der biblischen Botschaft des zweiten Fastensonntags: An Abraham wird deutlich, es geht darum, auf Gott, auf seine Wegweisung zu hören, um Segen zu erfahren und ein Segen für die Welt zu sein.
Es kommt also darauf an, mit Gott in lebendiger Verbindung zu bleiben, sich von IHM herausfordern zu lassen, sich IHM immer neu anzuvertrauen mit aller Sorge um das tägliche Leben, mit allen Fragen, Zweifeln und Ängsten. Wir dürfen vertrauen, dass ER mit uns geht in allen Umbrüchen, in guten und schweren Zeiten und wir müssen wissen, dass zum Lebensweg des Menschen auch Grenzen, Last und Leid gehören, dass aber der Tod nicht das letzte Wort hat.
Als das den Jüngern auf dem Berg Tabor klar wurde, sagte die Stimme vom Himmel: „Das ist mein geliebter Sohn … auf ihn sollt ihr hören!“ Gott selbst hat uns also geboten, auf Jesus und SEINE Lebensbotschaft zu hören – in allen Aufbrüchen unserer Zeit und bei allen Neuanfängen. Mit dem Vertrauen eines Abraham und im Blick auf Jesus sollen wir der Welt helfen, den Weg zu einem menschenwürdigen Leben und schließlich zum Leben in Fülle zu finden. Deswegen müssen wir Christen uns in den aktuellen Problemen unserer Zeit zu Wort melden.
Darum ist es nicht nur eine Randnotiz, sondern es ist von wesentlicher Bedeutung für den Blick auf Bischof Heiner Wilmer, zu erwähnen, mit welchen Worten er sich nach seiner Wahl vorstellte. Bei der Pressekonferenz zitierte er das Gloria. Er sagte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade: Mit diesen Worten aus dem Gebet des Gloria beginnt die Kirche ihren Lobpreis.“ Diese Formel werde für ihn im neuen Amt der Kompass sein. „Diese Verse aus dem Lukasevangelium tragen eine doppelte Bewegung in sich: den Blick zu Gott und den Blick auf die Menschen. Gott im Zentrum, und der Friede für die Welt und die Gerechtigkeit als Aufgabe.“
Bischof Wilmer spricht anscheinend zuerst von der Bibel und dann von der Welt. „Ich bin Pilger auf dem Weg, das Evangelium in der Hand und die Menschen im Blick“. Dann fügt er an. „Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott ins Zentrum zu stellen.“
In erster Linie geht es also darum, den Menschen den Blick zu weiten für die Lebensbotschaft Gottes und ihnen dadurch zu helfen, damit sie erkennen, worauf es im Leben ankommt. Die vielen brennenden Fragen im gesellschaftlichen, weltpolitischen und ebenso im kirchlichen Bereich können dann auch Chancen sein.
Der Blick auf Jesus, so die Erfahrung von Petrus, Jakobus und Johannes auf Tabor, dem Berg der Verklärung, schenkt Durchblick. Für alle, die in SEINEM Auftrag unterwegs sind – ob als Vorsitzender der Bischofskonferenz, ob als Papst Leo in Rom oder als überzeugte und engagierte Christen in irgendeiner Gemeinde – trifft dann zu: Wer mit Gottes Froher Botschaft seinen Weg geht, der hat offene Ohren, offene Augen, offene Hände und ein offenes Herz für die Nöte der Menschen und der Welt. Der verhilft letztlich zu einem guten Leben.
Im Blick auf die Christen in den vielen Gemeinden sagte der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz: „Sie sind das lebendige Gesicht der Kirche! In Gemeinden, Verbänden, Caritas, Schulen, in Familien, im stillen Gebet tragen Sie den Glauben. Unser Glaube ist eine Quelle von Kraft und Weite. Er schenkt Halt, er verbindet Generationen, er öffnet Räume der Hoffnung.“
Schließlich sagte er: „Synodalität bleibt eine geistliche Haltung: Miteinander unterwegs sein, Verantwortung teilen. Entscheidungen gemeinsam tragen. Christus steht im Zentrum; aus dieser Mitte wächst Vertrauen, und Vertrauen schafft Zukunft. Es wird darum gehen, das Evangelium zu verkünden – mit aller Kraft, notfalls auch mit Worten.“
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Wir haben diskutiert,
- so schreibt Lothar Zenetti, der jetzt 100 Jahre alt geworden wäre:
Wir haben diskutiert
bis nach Mitternacht
ob Glauben
die Menschen
zufrieden oder unzufrieden
ruhiger oder unruhiger
macht.
Am Ende waren wir
gar nicht zufrieden und
schliefen auch schlecht
Wie
soll man das nun
deuten?
Lothar Zenetti lässt die Antwort offen.
Doch wenn es uns ähnlich ergeht,
wenn der Glaube uns unruhig macht,
vielleicht sind wir noch nicht genügend
dem Leben auf den Grund gegangen.
Deswegen geht es darum,
dass wir weiter suchen im Glauben!
Glaube ist eine Herausforderung zum Leben!





