„Kinderarmut betrifft uns alle, wir müssen sie nur erkennen und richtig darauf reagieren“, erklärte Dr. Waltraud Lorenz von der Fachakademie für Sozialpädagogik Regensburg unterfränkischen Erzieherinnen und Mitarbeitern von Jugendhilfeeinrichtungen. Das Thema ging selbst langjährigen Pädagogen unter die Haut. Über zweihundert von ihnen hatten sich daher auf Einladung des Diözesan-Caritasverbandes Würzburg zur Vortragsreihe der Regensburger Expertin in Würzburg, Aschaffenburg, Bad Neustadt und Schweinfurt eingefunden.
Jedes sechste Kind lebe heute von Sozialhilfe, vor 35 Jahren sei es nur jedes 75. gewesen, so Lorenz. Mehr als ein Drittel aller Sozialhilfeempfänger sei unter 18 Jahre. In jeder Kindertagesstätte, Schule und Jugendhilfeeinrichtung gäbe es betroffene Kinder. Das Thema habe eine Dimension angenommen, die es nicht mehr erlaube, wegzusehen und nicht zu reagieren. In der Erzieherfortbildung müsse dieses Thema aber noch enttabuisiert werden. Auch die damit verbundene Elternarbeit sei eine Herausforderung, mahnte Lorenz.
Wir sind arme Kinder zu erkennen?
Zu den klassischen Risikogruppen zählen Familien mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger, Menschen mit Behinderungen, Überschuldete Personen, Personen ohne Schulabschluss, getrennt lebende Familien oder solche mit drei oder mehr Kindern. Äußere Faktoren wie unangemessene Kleidung, Verwahrlosung oder Hunger sind schnell zu erkennen. Arme Kinder verlassen oft hungrig das Elternhaus, haben kein Pausenbrot oder Geld dabei. Kinder erzählen, dass bei ihnen der Gerichtsvollzieher zu Hause war, das Essensgeld wird unpünktlich gezahlt, der Kindergartenbeitrag nicht entrichtet. Mütter erzählen, dass sie den Unterhalt für die Kinder nicht erhalten haben, Eltern „vergessen“, wenn Geld eingesammelt wird, weichen aus, wenn über Geld angesprochen wird oder melden ihre Kinder bei Ausflügen krank.
Man müsse unterscheiden zwischen armen Familien und Multiproblemfamilien. Arme Familien sind trotz Mangel an Geld und Wohnraum oft selbst in der Lage, sich zu helfen und die Situation ihres Kindes wahrzunehmen. Oft bemühen sie sich auch, ihre Situation zu verbessern. Multiproblemfamilien hingegen haben in allen Lebensbereichen gravierende Probleme. Sie nehmen psychosoziale Hilfen nur ungern an, kennen seit Generationen nur Armut und bemühen sich meist auch darum nicht, ihre Situation zu verändern. Ihre Kinder zeigen vielfach Resignation und Kontaktschwierigkeiten zu anderen Kinder. Wenn ihnen zu Hause Ansprache und Förderung fehlen, haben sie weniger Wissbegierde, stellen weniger Fragen, verfügen über einen geringeren Wortschatz, mangelnde Sprachkultur, zeigen weniger kreatives Spielverhalten und Motivation. Bei ihnen bestehen neben einer materiellen Unterversorgung auch Mängel im Bildungsbereich, im emotionalen sozialen Bereich und in der Gesundheitsvorsorge. „Der Umgang mit ihnen fordert sicherlich manchmal Überwindung. Doch denken Sie dran: Wir sind nicht die Richter dieser Menschen. Kinder sind für ihre Armut nicht verantwortlich“, appellierte Lorenz an ihre Zuhörer.
Diakonie als Selbstverständnis einer kirchlichen Einrichtung
„Doch Kinder fühlen sich für elterliche Konflikte wie Armut, Streit, Arbeitslosigkeit und Trennung verantwortlich. Das kommt ungefiltert in ihre Seele“. Kindertageseinrichtungen müssen ihnen daher einen seelischen Schutzraum bieten. Die Kinder können hier von zu früh übernommener Verantwortung entlastet und in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung zuverlässig gestützt werden. Kirchliche Träger und ihr pädagogisches Fachpersonal rief Lorenz auf, das Thema Kinderarmut in ihr Leitbild aufzunehmen und die nötigen Ressourcen zu schaffen.
Eltern wie Kinder bräuchten Kindertageseinrichtungen, die ihnen Glauben an ihre Kompetenz, an das Leben und an Gott vermitteln. Kindertageseinrichtungen hätten einen Bildungsauftrag und müssten gleichzeitig ein Frühwarnsystem sein. Lorenz empfahl, alle Probleme mit Eltern und Kindern vorsichtig anzusprechen, im Zweifelsfall vorsichtig nachzufragen und über das soziale Netzwerk der Caritas Hilfe anzubieten. Hierzu gehören z.B. sozialpädagogische Familienhilfe, Kleiderkammern, Schuldnerberatungen oder Erziehungspartnerschaften. Erzieherinnen müssen deshalb im Bereich der Eltern- und Familienarbeit ständig weiterbilden.