Die Predigt im Wortlaut:
Die „Münchner Sicherheitskonferenz“ in diesen Tagen ist das beherrschende Thema in den Nachrichten und politischen Kommentaren. „Der Vorsitzende … Wolfgang Ischinger, hofft auf konstruktive Gespräche“, lautet eine der Überschriften. Die ZEIT schrieb: „Donald Trump schickt Marco Rubio …, um die Europäer einzulullen.“
Ranghohe Politiker aus aller Welt sind in München versammelt. Sie sind damit beschäftigt, bei den Reden zwischen den Zeilen herauszuhören, was eigentlich gemeint bzw. beabsichtigt ist – oder wie wir landläufig sagen: „Was sie eigentlich im Schilde führen!“ Mit diplomatisch ausgefeilten Worten wird über die aktuelle weltpolitische Lage gesprochen. Und nachher wird versucht, in zahlreichen Kommentaren, die Aussagen zu analysieren und zu interpretieren, was sie bedeuten könnten. Im Grund ist vorher schon klar, dass nachher alles noch offenbleibt und nichts wirklich geklärt ist. Auch nach der Sicherheitskonferenz wird keine Lösung für den Konflikt in der Ukraine in Sicht sein. Es ist kein Signal zu erwarten für eine Veränderung der Lage in Syrien, im Iran, in Venezuela usw.
Das nebulöse, unklare Verhalten bei – eben auch wichtigen – Gesprächen und Diskussionen durchzieht alle Lebensbereiche, auch die, die uns unmittelbar berühren. Ich will einige Beispiele nennen:
- Wir beklagen die demografische Entwicklung und den daraus resultierenden Fachkräftemangel z.B. in der Pflege wie auch in allen anderen Berufen. Dennoch sind viele nicht bereit, die Gründe dafür zu analysieren oder sich sogar einzugestehen; und diese liegen eben auch in persönlichen Entscheidungen – wie der seit Jahrzehnten erlebbaren Haltung zu Kindern.
Ebenso sind viele nicht bereit, sich einzugestehen, dass wir aufgrund der demografischen Entwicklung die Hilfe von Menschen – wie z.B. in der Betreuung alter Menschen und der Pflege – aus anderen Kontinenten brauchen. - Wir beklagen die zunehmend größeren Probleme in der Wirtschaft, bestreiten aber, dass das auch etwas mit der Leistungsbereitschaft und dem schon vor Jahrzehnten prophezeiten „Freizeitpark Deutschland“ zu tun hat. Ebenso wird völlig ignoriert, dass die Rund-um-die-Uhr-Berieselung und der Dauerstress, die Menschen Kraft kostet. Viele kommen nach den freien Tagen am Montag nicht ausgeruht und erholt zur Arbeit, sondern regelrecht erschöpft.
- Wir beklagen die Verrohung in der Gesellschaft schon unter Kindern und Jugendlichen, lehnen aber Überlegungen ab, den teils unheimlichen Einfluss von social Media auf das Denken und Verhalten von Heranwachsenden einzuschränken.
- Viele befürworten eher den assistierten Suizid, bevor Sie Verantwortung wahrnehmen und sich solidarisch um alte, gebrechliche oder auch kranke Angehörige annehmen und ihnen Zuwendung und Sympathie schenken.
- Wir ignorieren die Bedeutung eines verlässlichen Miteinanders in Ehe und Familie. Leider folgen nicht wenige eher der Devise „Liebe lieber unverbindlich“, wie jetzt in einem Artikel zum Valentinstag zu lesen war und sie sehen Partnerschaft eher auf Zeit.
Wo bleiben also die für uns alle verbindlichen und verlässlichen Aussagen und Zusagen, auf die wir uns im Leben stützen können und die Zuversicht im Blick auf die Zukunft geben? Ob es um die großen weltpolitischen Themen z.B. jetzt bei der Münchner Sicherheitskonferenz geht, die zu sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlicher Sicherheit und damit zum Frieden beitragen sollen. Oder ob es die Berührungspunkte in unserem unmittelbaren Miteinander geht, wo jede und jeder von uns auch auf verlässliche Aussagen und Zusagen angewiesen ist und nicht selten verunsichert ist, was das Gegenüber wirklich meint. Wo bleiben also die für uns alle verbindlichen und verlässlichen Aussagen und Zusagen, auf die wir uns im Leben stützen können?
Insofern ist das Wort Jesu, mit dem er seine Aussage am Ende auf den Punkt bringt, eine wichtige Ansage an uns alle: „Euer Ja sei ein ja, und euer nein sei ein nein; alles andere stammt vom Bösen.“
Es kommt auf die klare Haltung und die Meinung des Einzelnen an und nicht die der Masse bzw. des sogenannten Mainstreams. Genau darauf zielt Jesus mit seiner Rede an die Jünger, die der Evangelist Matthäus überliefert. Es geht um mehr als nur darum, eine Form zu wahren oder ein geschriebenes Gesetz zu beachten. Es geht Jesus um die Grundhaltung jedes Einzelnen, aus der heraus seine Jünger denken, urteilen und handeln.
Mehr als durch noch so viele ausgeklügelte und letztlich unverbindliche Worte kommt es darauf an, dass wir durch unsere Verantwortung für die Welt und das Miteinander, dass wir durch unseren Umgang mit dem uns anvertrauten Leben, durch unsere Wertschätzung – auch Schwachen gegenüber – deutlich machen, dass wir jeden Menschen achten, egal ob er mir nützlich ist oder nicht, egal wie die Mehrheit ihn sieht oder beurteilt.
Es tut einfach gut und ist wichtig, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die eine klare Haltung haben. Bei solchen Kontakten und Begegnungen kommt uns immer wieder über die Lippen: „Bei dem, bei der weiß ich, wo ich dran bin!“ „Er, sie steht zu seinem, zu ihrem Wort!“ „Er, sie hängt ihr Fähnchen nicht nach dem Wind!“ „Er, sie steht für seine, für ihre Überzeugung!“ „Er, sie hat einen klaren Standpunkt!“ „Er, sie fällt nicht so schnell um!“
Weil wir andere dazu nicht verpflichten können, sich klar und verbindlich zu äußern, kommt es umso mehr darauf an, dass wir Christen als Menschen wahrgenommen werden, die auf einem festen Fundament stehen und die eintreten für die Frohe Botschaft, die jedem Menschen Würde und Wert zuerkennt und ein solidarisches und friedvolles Miteinander erwirken will.
An diesem Freitag wurde die erste Fastenbotschaft von Papst Leo veröffentlicht. Darin ruft der Papst auf, über den klassischen Verzicht von Nahrung hinaus zuzuhören. „Zuhören und fasten“ – so die Überschrift seiner Fastenbotschaft. Darin fordert er eine „Entwaffnung der Sprache“ und ein geschärftes Gehör gerade für den „Schrei der Armen“. Es geht ihm um den Umgang mit der Sprache und um eine verbale Abrüstung. Nur so geling Kommunikation. Der Papst schreibt, das Zuhören sei das erste Anzeichen für den Wunsch, mit anderen in Beziehung zu treten.
Vor einigen Tagen habe ich in einem Buch des früheren und inzwischen verstorbenen Limburger Bischofs Franz Kamphaus gelesen. In einem der darin abgedruckten Vorträge stellte er u.a. fest: „Die Welt aber braucht keine Verdoppelung ihrer Hoffnungslosigkeiten durch Religion; sie braucht das Gegengewicht gelebten Gottesglaubens. Wir müssen der Welt nicht Welt und der Erde nicht Erde geben, sondern das, was ihnen niemand sonst geben kann: das Salz, das Licht des Evangeliums.“
Der Papst schreibt in seiner Fastenbotschaft, das Hören auf Gottes Wort in der Liturgie müsse die Menschen dazu befähigen, in der Kakofonie des Alltags jene Stimmen zu erkennen, die aus Not hervorgehen.
Bei dem Bemühen, die Welt mit Leben, mit Hoffnung und Zuversicht zu erfüllen und dabei auch jedem Menschen Wert und Würde zu geben, war Jesus kompromisslos und ließ sich auch nicht von einer Mehrheit beeindrucken. Wenn wir in unserer Zeit, in unserer kleinen wie in der großen Welt für Gerechtigkeit sorgen und Frieden erwirken wollen und dem von Gott gegebenen Leben in unserem Umgang miteinander dienen, dann braucht es eine klare und verlässliche Haltung. Das gilt eigentlich für ein so wichtiges Forum wie die „Münchner Sicherheitskonferenz“, aber auch in unserer Verantwortung in Familie, Beruf, wie auch unserem Engagement in der Gesellschaft. „Euer Ja sei ein ja, und euer nein sei ein nein; alles andere stammt vom Bösen.“ – Die Lebensbotschaft Jesu zu verkünden und zu bezeugen ist unser Auftrag. So tragen wir bei zu einem vertrauensvollen Miteinander, zum Frieden und zur Sicherheit in der Welt – und zwar weniger in hochkarätigen Konferenzen, viel mehr im unmittelbaren Zusammenleben.
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Gewissensfrage
Bist du ein Christ?
Wenn ja –
warum nicht?
(Lothar Zenetti)





