Die Predigt im Wortlaut:
„Die neue Weltordnung: Großmachtpolitik, Unternehmensherrschaft und die Zukunft des menschlichen Gedeihens“ – unter dieser Überschrift war vor einer Woche das Internationale Netzwerk katholischer Parlamentarier in Rom versammelt. In seiner Ansprache an die Politiker hat Papst Leo aufgefordert, sich bei den aktuellen politischen Herausforderungen von den Gedanken des Hl. Augustinus inspirieren zu lassen.
„Um in der gegenwärtigen Situation Halt zu finden – insbesondere Sie als katholische Gesetzgeber und politische Führer –, schlage ich vor, dass wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, auf die herausragende Persönlichkeit des heiligen Augustinus“. Leo verwies auf die kluge Weltsicht des großen Theologen: „Als führende Stimme der Kirche in der späten Römerzeit war er Zeuge gewaltiger Umwälzungen und sozialer Zerrüttung. Als Antwort darauf verfasste er ‚De civitate Dei‘ (Der Gottesstaat)“. Dieses Werk entstand während des Zusammenbruchs des Römischen Reiches und bietet, so Leo XIV., eine Vision der Hoffnung und des Sinns, die auch heute noch relevant ist.
Wer die sich nicht nur täglich, sondern oft stündlich überschlagenden Kommentare zu den aktuellen Ereignissen hört, der weiß, dass sinnvolle, zukunftsweisende und tragfähige Lösungen gewiss nicht in den meist sehr subjektiven Kommentaren oder Talkrunden zu finden sind. Ob wir die geopolitischen Herausforderungen mit den zunehmend größer werdenden Spannung nicht nur in fernen Kontinenten, sondern auch in Europa bedenken oder die wirtschaftlichen Probleme längst nicht mehr nur in unterentwickelten Ländern, sondern immer gravierender auch in den sogenannten Industrienationen oder die sozialen Schieflagen in allen Gesellschaften – dem wird klar: Eine Vision der Hoffnung und des Sinns ist fürwahr notwendig.
Kluge, gerechte und wirkungsvolle Lösungen, die das Miteinander der Menschen und eine solidarische Grundhaltung stärken, hängen aber nicht nur von den politischen Entscheidungen ab, sondern auch vom Einzelnen. Allensbach hat – im Blick auf Deutschland – in der vergangenen Woche eine entsprechende Erkenntnis auf den Punkt gebracht: „Der deutsche Wähler ist für harte Reformen – aber nicht zu seinen Lasten!“
Ähnlich bedenklich sind Einstellungen wie „MAGA“ – „Make Amerika great again“ – oder das immer stärker nur an nationalen Interessen orientierte Denken und Agieren in zunehmend mehr europäischen Ländern, ebenso in Russland, China, asiatischen und südamerikanischen Staaten usw. Unserer Welt fehlt eine Vision der Hoffnung und des Sinns. Aber eine vor allem auf nationale Interessen ausgerichtete Politik oder Grundhaltung verheißt keine gute Zukunft.
Nochmals zur aktuellen Allensbach-Erhebung im Blick auf unser Land: Die große Mehrheit der Befragten stimmt auch heute noch der unvergessenen „Ruckrede“ des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzogs im Jahr 1997 zu: Es müsse Schluss sein mit dem Schlendrian, mit dem ambitionslosen Weiter so. Es brauche „Innovation, Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung“, sagte er vor bald 30 Jahren. „Der Verlust wirtschaftlicher Dynamik, die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression – das sind die Stichworte der Krise“ – damals wie auch heute!
Obwohl die Mehrheit inzwischen weiß, dass es ein Fehler wäre, will sie im Grund, dass möglichst alles beim Alten bleibt. Ob es um die Arbeitszeiten, das Rentenalter, die Renten, die sozialen Leistungen, die sogenannte „Vollkasko-Mentalität“, die Staatstätigkeit geht, die Bereitschaft sich selbst zu fragen, was der Einzelne für das Florieren des Gemeinwesens machen kann, ist kaum vorhanden. Allensbach konstatiert: „Der Bürger scheint ein Doppelwesen zu sein. Das eine ist einsichtig und zukunftsorientiert, das andere bequem und störrisch – eben der alte deutsche Michel.“
Das sind keine guten Voraussetzungen, um das zu meistern, was Deutschland heute leisten sollte: das Land zu befähigen, das Dümpeln der Wirtschaft zu überwinden, die Sozialsysteme zukunftsorientiert umzubauen und seine Verantwortung für die Weltgemeinschaft wahrzunehmen.
Ein Grundproblem, das ich sehe, ist, dass mit letztlich unzulänglichen Maßnahmen an den Auswirkungen, den Symptomen schwieriger Situationen und Entwicklung gebastelt wird. Dabei wäre es an der Zeit, nicht nur kurzsichtig zu agieren, sondern sich den grundlegenden Problemen und damit den tieferen, den eigentlichen Ursachen zu stellen – getragen von einer Vision der Hoffnung und des Sinns. Darum muss es schon in der Erziehung gehen.
Deshalb zurück zu Papst Leo und seiner Ansprache an die versammelten Parlamentarier aus aller Welt. Er sagte: „Echtes menschliches Gedeihen zeigt sich, wenn Menschen tugendhaft leben, wenn sie in gesunden Gemeinschaften leben und sich nicht nur an dem erfreuen, was sie haben und besitzen, sondern auch daran, wer sie als Kinder Gottes sind.“
Entscheidend ist die geistige und geistliche Grundlage, die unserem Leben Halt und Orientierung gibt, und die dann auch das Fundament der erforderlichen politischen wie auch persönlichen Maßnahmen bildet. Papst Leo formulierte es so: „Es gewährleistet die Freiheit, nach der Wahrheit zu suchen, Gott anzubeten und Familien in Frieden zu gründen. Dazu gehören auch die Harmonie mit der Schöpfung und ein Gefühl der Solidarität über soziale Klassen und Nationen hinweg.“ Es geht also um das geistige Konzept für unsere Lebensgestaltung und unser Gemeinwesens. Deshalb warnte Papst Leo davor, das Konzept des menschlichen Gedeihens auf bloßen Wohlstand oder Konsumkomfort zu reduzieren.
Politik darf nicht von Macht und Eigeninteressen bestimmt sein, sondern muss dem Wohl des ganzen Menschen dienen. „Wahres menschliches Gedeihen entspringt dem, was die Kirche ‚ganzheitliche menschliche Entwicklung‘ nennt – also der vollen Entfaltung des Menschen in allen Dimensionen: physisch, sozial, kulturell, moralisch und geistlich“, sagte der Papst.
Darum hat Papst Leo aufgefordert, sich bei den aktuellen politischen Herausforderungen von den Gedanken des Hl. Augustinus inspirieren zu lassen. Der Kirchenvater lehrte, dass es in der Geschichte der Menschheit zwei „Städte“ gibt: „Die Stadt der Menschen, die auf Stolz und Selbstliebe aufgebaut ist, ist geprägt vom Streben nach Macht, Ansehen und Vergnügen; die Stadt Gottes, die auf selbstloser Liebe zu Gott aufgebaut ist, zeichnet sich durch Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Demut aus.“ Leo sagte, dass es darauf ankomme, als „Brückenbauer zwischen der Stadt Gottes und der Stadt der Menschen“ zu fungieren.
„Augustinus ermutigte“, so der Papst, „die Christen, die irdische Gesellschaft mit den Werten des Reiches Gottes zu durchdringen … Die Zukunft des menschlichen Gedeihens hängt davon ab, um welche ‚Liebe‘ wir unsere Gesellschaft herum organisieren – eine selbstsüchtige Liebe, die Liebe zu sich selbst oder die Liebe zu Gott und zum Nächsten.“
Papst Leo stellte die vorherrschenden Vorstellungen von Fortschritt und Entwicklung in Frage: „Heute wird ein gedeihendes Leben oft mit einem materiell reichen Leben oder einem Leben in uneingeschränkter individueller Autonomie und Vergnügung verwechselt … Die sogenannte ideale Zukunft, die uns präsentiert wird, ist oft eine Zukunft der technologischen Bequemlichkeit und der Verbraucherzufriedenheit“, fügte er hinzu. „Doch wir wissen, dass dies nicht ausreicht. Wir sehen dies in wohlhabenden Gesellschaften, in denen viele Menschen mit Einsamkeit, Verzweiflung und einem Gefühl der Sinnlosigkeit zu kämpfen haben.“
Deshalb erinnerte der Papst in seiner Ansprache an die Parlamentarier an das Evangelium Christi und die tieferen Wahrheiten, die uns daraus zukommen, so wie die Zusage Jesu, die uns im heutigen Evangelium verkündet wurde: „… damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Und er fügte hinzu: „ … dass wir eine ,Politik der Hoffnung‘ und eine ,Wirtschaft der Hoffnung‘ brauchen.“ Politik darf nicht von Macht und Eigeninteressen bestimmt sein, sondern muss dem Wohl des ganzen Menschen dienen. So könnten wir auch heute das Licht Christi in die Gesellschaft bringen. Zugleich warnte er vor Resignation. „Ebenso ermutige ich Sie, jene gefährliche und selbstzerstörerische Haltung zurückzuweisen, die sagt, dass sich ohnehin nichts ändern könne.“
Deshalb erinnere ich gerne an eines der bekanntesten Worte von Augustinus. Er sagte: „Was du in anderen entzünden willst, das muss in dir brennen!“ Das ist wie eine Zusammenfassung der Worte des Völkerapostels Paulus an Timotheus: „Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, … verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!“
In dieser Haltung hat Augustinus in der Zeit gewaltiger Umwälzungen und sozialer Zerrüttung wegweisende Impulse gegeben. Ebenso hat Papst Leo im Blick auf die Herausforderungen und Probleme unserer Zeit den Parlamentariern unserer Tage wichtige Impulse gegeben unter der Überschrift: „Die neue Weltordnung: Großmachtpolitik, Unternehmensherrschaft und die Zukunft des menschlichen Gedeihens“ Jetzt kommt es darauf an, dass nicht nur Parlamentarier in ihrer politischen Verantwortung, sondern auch wir als Christen – wo immer wir in Familie, Beruf und Gesellschaft – Verantwortung haben, uns immer wieder von der Frohen Botschaft Jesu inspirieren lassen und in seinem Geist handeln. Augustinus sagte: „Ihr seid die Zeit. Seid ihr gut, sind auch die Zeiten gut!“
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Herr, mache deine Kirche
Herr,
mache deine Kirche zum Werkzeug deines Friedens.
Wo Menschen sich befehden
ein jeder gegen jeden
hilf uns den Frieden schaffen
in einer Welt von Waffen
Herr,
mache deine Kirche zur Stimme deiner Wahrheit
Inmitten von Intrigen
Verdrehungen und Lügen
hilf uns die Wahrheit finden
und unbeirrt verkünden.
Herr,
mache deine Kirche zum Anwalt aller Armen.
Dass sie stets auf der Seite
der Unterdrückten streite
hilf uns das Recht verbreiten
auch für die Minderheiten
Herr,
mache deine Kirche zum Anfang deiner Zukunft
Dass alle in ihr sehen
die neue Welt entstehen
du kannst uns Menschen einen
Herr, lass dein Reich erscheinen
(Lothar Zenetti)