Die Predigt im Wortlaut:
„In Deutschland sind schätzungsweise etwa 16 Millionen Menschen von einer Hörbeeinträchtigung betroffen“ – soweit der medizinische Befund. Weit höher aber ist der Anteil der Menschen, die – obwohl noch gesunde Organe – kein Gehör mehr für ihre Mitmenschen, selbst für den Nächsten haben; dessen bin ich mir sicher.
Wir brauchen nur das Gesprächsverhalten bei einer Talkshow zu beobachten. Die Teilnehmer hören oft gar nicht zu, was der andere sagt, sondern warten nur darauf, bis dieser ausgesprochen hat und setzen dann ihr eigene Botschaft ab – sofern sie dem Gegenüber nicht schon zuvor ins Wort gefallen sind.
Die Gesprächskultur, die wir erleben – ob bei Talkshows, im privaten, familiären Umfeld, am Arbeitsplatz bis hin zu Parlamentsdebatten spiegelt die Grundeinstellung, wie viele Zeitgenossen miteinander umgehen. Das Muster ist gleich, ob an einem Stammtisch, am Arbeitsplatz, im Fernsehen oder bei politischen Diskussionen etwa, wenn es um den Sozialstaat bei uns im Land oder bei sogenannten „Friedensgesprächen“ z.B. im Ukrainekonflikt geht. Die Menschen hören einander immer weniger zu. Oft entsteht der Eindruck: Die Lautesten verschaffen sich am ehesten Gehör! Damit aber kommt keine Kommunikation zustande und noch weniger ein konstruktiver Austausch, der letztlich zu einer guten Lösung der zu besprechenden Anliegen führen würde.
Im Tagesgebet, das für die Liturgie an diesem Freitag vorgesehen ist, heißt es:
Herr. Du kennst unser Elend:
Wir reden miteinander und verstehen uns nicht.
Wir schließen Verträge und vertragen uns nicht.
Wir sprechen vom Frieden und rüsten zum Krieg.
Zeig uns einen Ausweg.
Sende deinen Geist,
damit er den Kreis des Bösen durchbricht
und das Angesicht der Erde erneuert.
Deshalb lohnt es, die Botschaft des heutigen Evangeliums zu bedenken:
Jesus legt seine Finger in die Ohren des Mannes. Der in Aramäisch ausgesprochene Befehl „Effata“, „Öffne dich!“ richtet sich nicht nur an das Gehör-Organ, sondern an den ganzen Menschen, bei dem offensichtlich nicht nur die Ohren verschlossen und blockiert waren. Und indem Jesus dem Menschen zum richtigen Hören verhilft, bewirkt er, dass er dann auch richtig sprechen kann.
Jesus wollte mit seinen Heilungswundern nicht nur gesundheitliche Defizite beseitigen, sondern vor allem seiner Botschaft Gehör verschaffen. In der Heilungsgeschichte fällt auf, dass Jesus zwischen den Gesten – dem Berühren von Ohren und Zunge und dem heilenden Wort „Öffne dich!“ – zum Himmel emporblickt. Von dort nimmt er die Kraft für sein Tun. Und für die Menschen wird damit deutlich, dass er sein Handeln an den Willen und an das Wirken Gottes bindet.
Davon scheint das Volk etwas zu ahnen, wenn es plötzlich ausruft: „Er hat alles gut gemacht!“ Das klingt ganz ähnlich, wie am Anfang der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte. „Er hat alles gut gemacht!“
An dieser Stelle ist es wichtig, mitzubedenken, dass Jesus bei solchen Gelegenheiten und Geschehnissen gerade seine Jünger immer wieder tadelt: „Ohren habt ihr und hört nicht“. Hier liegt also eine Gehörlosigkeit geistiger Art vor, die es verhindert, dass die Worte Jesu und damit seine Botschaft, durchdringen bis zum Herzen der Menschen, und dass Gottes Anspruch dort verstanden wird und zum richtigen Handeln bewegt.
Ein Theologe hat das Problem der Taubheit in unserer Zeit umschrieben mit dem Umstand, dass wir ständig auf zu viele unterschiedliche und zumeist laute Stimmen und gewiss auch Stimmungen achten, so dass wir immer weniger das Wort Gottes, seine wegweisenden Hinweis für unser Leben hören und noch weniger darüber reden.
Die geistige Gehörlosigkeit betrifft unsere Gesellschaft insgesamt. Damit sind wir wieder bei den zuvor erwähnten Debatten, Talkshows und Diskussionen bzw. bei den verbalen Auseinandersetzungen. Wie oft wird deutlich: Sie hören einander überhaupt nicht zu, sondern wollen nur ihre eigene Sicht ausbreiten. Wie oft wird dabei versucht, den oder die anderen mit rhetorischen Floskeln oder plakativen Aussagen und dessen Haltung „platt-zu-machen“. Nicht selten werden kritische, vielleicht sogar sorgenvolle Nachfragen als unmöglich oder nicht statthaft abgetan. Dem anderen wird der gute Wille komplett abgesprochen. Anderen wird kaum zugestanden, dass sie vielleicht auch etwas Bedenkenswertes zu sagen haben. Das erleben wir auf allen Ebenen bis hin zu den schon erwähnten sogenannten „Friedensgesprächen“ auf der weltpolitischen Ebene wie z.B. am langen Verhandlungstisch im Kreml oder im „Oval Office“, das seit einem Jahr als „Golden Office“ bezeichnet wird.
Bleiben wir aber bei uns selbst. Wir tun gut daran, zunächst auf uns selbst zu achten: Bei jedem Gottesdienst wird uns das Wort Gottes gesagt. Wir tun uns nicht schwer zuzuhören. Doch wenn wir es hören, sind wir dann nicht oft versucht, es schnell unserer Vorstellung entsprechend festzulegen? Damit aber lassen wir dem Wort Gottes kaum die Freiheit, uns vielleicht einen ungeahnt neuen Gedanken oder Anstoß zu schenken für die Situation, in der wir gerade leben oder für das Problem, das uns gerade beschäftigt.
Heute wurde die erste Fastenbotschaft von Papst Leo veröffentlicht. Darin ruft er auf, über den klassischen Verzicht von Nahrung hinaus zuzuhören. „Zuhören und fasten“ – so die Überschrift seiner Fastenbotschaft. Es geht ihm um den Umgang mit der Sprache und um eine verbale Abrüstung. Nur so gelingt Kommunikation. Deshalb fordert er eine „Entwaffnung der Sprache“ und ein geschärftes Gehör gerade für den „Schrei der Armen“. Der Papst schreibt, das Zuhören sei das erste Anzeichen für den Wunsch, mit anderen in Beziehung zu treten.
Weiter betont Papst Leo, das Hören auf Gottes Wort in der Liturgie müsse die Menschen dazu befähigen, in der Kakofonie des Alltags jene Stimmen zu erkennen, die aus Not hervorgehen.
Für die Menschen ist es heute sehr viel schwieriger als früher, genau zu hören: Eine Fülle von Worten, von völlig unterschiedlichen Stimmen, Meinungen und Botschaften dringen rund um die Uhr auf uns ein. Umso genauer muss sich unser Gehör für das Wort Gottes weiten, um es dann wirklich aufzunehmen, zu verstehen und schließlich weitersagen zu können. Denn nur dann können wir wirklich daran mitwirken, die Welt und das Zusammenleben der Menschen in seinem Geist zu erneuern.
Wer nicht hört, kann auch nicht reden. Was die Jünger Jesu – um sie in den Blick zu nehmen – bisher von sich gaben, war in den Augen Jesu offenbar nur Gestammel. An dieser Stelle verwendet der Evangelist Markus in seinem Bericht das Wort MOGILALOS. Das griechische Wort umschreibt nämlich, dass da jemand kaum lallen kann, also nur mühsam stammelt und nur schwerlich einige Brocken hervorbringt. Weil jemand nicht hört, kann er sich nur schwer artikulieren. Dennoch braucht Jesus die Jünger, damit sie weitersagen und weitertragen, was er verkündet.
Es wäre also zu einfach, das Heilungswunder jetzt nur im Blick auf die Menschen zu sehen, deren Ohren für das Wort Gottes von vorneherein verschlossen sind. Wir müssen es zunächst auf uns selbst und unsere Hellhörigkeit für seine Frohe Botschaft hin einmal deuten. Davon hängt dann auch ab, was und wie wir davon sprechen. Die Heilung des Gehörlosen enthält zunächst eine Lektion für die Jünger Jesu: Wie der Gehörlose müssen zunächst sie selbst sich mit Hilfe Jesu ganz öffnen lassen für sein Wort, seine Botschaft also an sich heranlassen, damit endlich ihre Zunge gelöst wird und sie richtig von ihm sprechen können.
Das entspricht ganz dem Grundsatz des Apostels Paulus, der lehrt, dass das Wort Gottes verkündet werden muss, damit die Menschen zum Glauben gelangen, dass aber jeder Glaube, auch der Glaube der Verkünder, aus dem Hören kommt. Im Römerbrief schreibt er deshalb: „Glaube kommt vom Hören“ – eben wie bei der Muttersprache. Es ist also entscheidend wichtig, dass wir hinhören auf das Wort Gottes, damit andere durch uns davon hören.
Wir beklagen heute oft, dass nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern immer mehr Erwachsene in unserer Gesellschaft so wenig von Gott und SEINER Lebensbotschaft wissen und deshalb auch nicht seiner Botschaft entsprechend leben und handeln. Die Frage für mich ist, wer es ihnen sagt, wer mit ihnen darüber spricht? Vielleicht gilt der Ruf „Effata“ zunächst uns selbst, bevor wir anderen das Gehör für Gottes Wort und seine Lebensbotschaft öffnen können.
Ebenso wage ich zu behaupten, dass viele der Konflikte in unserem Zusammenleben wie auch in unserer Welt deshalb entstehen, weil viele einander nicht zuhören und noch weniger dem Wort Gottes, das uns das Herz öffnet für Gott und füreinander und uns einen guten Weg für unser Handeln beschreibt. Deshalb will ich schließen, in dem ich nochmals das Gebet für die Liturgie am heutigen Tag spreche:
Herr. Du kennst unser Elend:
Wir reden miteinander und verstehen uns nicht.
Wir schließen Verträge und vertragen uns nicht.
Wir sprechen vom Frieden und rüsten zum Krieg.
Zeig uns einen Ausweg.
Sende deinen Geist,
damit er den Kreis des Bösen durchbricht
und das Angesicht der Erde erneuert.
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Als Jesus den Tauben heilte,
da ist er mit dem Finger in dessen Ohren gegangen.
Er blieb nicht auf Distanz.
Jesus ist ganz dicht an den Tauben herangetreten und hat gesagt:
Komm, lass mich mal an deine Ohren heran.
Und dann hat Jesus mit dem Finger
in seinen Ohren gebohrt.
Die waren nämlich total verstopft.
Jesus hat den Gehörgang des Tauben frei gemacht
von Floskeln, von Lügen, von Allgemeinplätzen,
von Vorurteilen,
ganz tief drinnen steckten religiöse Sprüche,
direkt auf dem Trommelfell
und das war das schlimmste,
sie saßen ganz tief drinnen.
Das alles hatte den Mann taub gemacht.
Er konnte durch diesen ganzen Wust nicht mehr richtig
hindurchhören.
Jesus hat das geschafft,
indem er ganz nahe an den Mann heranging
und nicht bloß distanziert Belehrungen und Ermahnungen erteilte –
von oben herab.
(Wilhelm Willms)







