Die Predigt im Wortlaut:
Wachsamkeit – so lautet die Forderung der Stunde! Wachsamkeit betrifft alle Lebensbereiche!
- Wachsamkeit braucht es im Blick auf die politischen Entwicklungen in aller Welt – ob das der sogenannte „Friedensplan“ für die Ukraine ist, der offensichtlich nur von russischen Interessen geleitet war, oder die Bemühungen um den Waffenstillstand in Nahen Osten.
- Wachsamkeit lautet die Mahnung vieler engagierter Menschen in aller Welt im Blick auf die unkonkreten und eigentlich ungenügsamen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz in Belém.
- Wachsamkeit ist die Botschaft besorgter Menschen in unserer Gesellschaft wie in aller Welt über die Zustimmung zu extremen politischen Grundhaltungen.
- Wachsamkeit ist notwendig, um einer menschenverachtenden Entwicklung im Blick auf Fremde wie auch auf Menschen mit Behinderungen zu wehren.
- Wachsamkeit braucht es im Blick auf die Zunahme radikaler und aggressiver Verhaltensweisen von Aktivisten, um ihre Vorstellungen – und seien sie im Grunde noch so bedenkenswert – durchzusetzen. Es gilt wachsam zu sein, wohin diese Entwicklung führt, bei der das Gemeinwesen immer mehr die Möglichkeit verliert, das Zusammenleben in der Gesellschaft in konstruktiver Weise zu regeln.
- Wachsamkeit ist erforderlich, um der zunehmenden aggressiven Grundhaltung im Umgang miteinander zu wehren, ob es um das Verhalten im Straßenverkehr geht, um die immer häufigeren Attacken gegen Rettungskräfte, Ärzte, Polizisten, sogar Lehrkräfte und Erzieherinnen – geleitet von Egoismus, Verantwortungslosigkeit bis hin zum Hass.
- Wachsamkeit ist unerlässlich, wenn uns die ungeahnten Möglichkeiten der KI bewusst werden, die unser Leben und unser Zusammenleben grundlegend verändern.
Weil wir nicht genügend wachsam waren, kamen seit vierzig, fünfzig Jahren Millionen von Kindern nicht mehr zur Welt, und zwar aus zumeist aus sogenannten „sozialen“ Gründen – und das in einem der wohlhabendsten Ländern der Erde! Ich erinnere mich an einen Jugendgottesdienst in den achtziger Jahren, in dem es um das Thema „Kinder – unsere Zukunft“ ging. Eine der Aussagen damals im Gottesdienst war: „Deine Aktienpakete werden Dich später einmal nicht pflegen!“ Weil aber manche doch so dachten, haben sie auf Kinder verzichtet und sitzen jetzt auf ihrem Geld und wissen nicht, wem sie es geben könnten, damit sie gepflegt werden.
Wachsamkeit braucht es auch in der Diskussion um assistieren Suizid, die durch den freiwilligen Tod der „Kessler-Zwillinge“ verstärkt wurde. Mit angeblich humanen Argumenten wird der Weg für die aktive Sterbehilfe gebahnt. Damit wird mehr und mehr auch die kommerzielle Sterbehilfe befördert. Eine Abwägung zwischen den Grundrechten auf Selbstbestimmung und Lebensschutz findet dabei nicht statt. Damit wird eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sich jetzt schon in Nachbarländern ablesen lässt mit der steigenden Zahlen aktiver Sterbehilfefälle – Menschen, die letztlich sogar gegen ihren Willen sterben.
Selbst Ärztevertreter sehen mit Sorge, dass das Recht auf Sterbehilfe schrankenlos und unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand gelten soll. D.h., auch ein junger, kerngesunder Mensch kann für sich Suizidbeihilfe verlangen. Deutschland habe damit eine liberalere Regelung als alle anderen europäischen Staaten. Die Masse der Menschen denkt halt nicht weiter, welche lebensverneinende Sicht sich damit entwickelt.
Ein Arzt äußerte seine Bedenken so: „Der Sinn unseres Berufes würde zerstört, wenn wir damit beginnen, absichtlich zum Tod zu verhelfen. Deswegen wollen wir keine Lizenz zum Töten“. Inzwischen geht es schon nicht mehr nur um die Sorge, „statt des Leidens den Leidenden aus der Welt zu schaffen“, sondern es als normal anzusehen, wenn z.B. ein junger Mensch – vielleicht nur aus Liebeskummer – nicht mehr leben möchte.
Wachsamkeit für den Schutz menschlichen Lebens ist wie am Ende auch am Beginn wichtig. Nachdem erst einmal der Damm zur Abtreibung gebrochen war, hat sich inzwischen sogar ein Unrechtsbewusstsein eingeschlichen. Ich erinnere mich sehr genau an einen entsprechenden Auftritt der damaligen Jugend- und Familienministerin während des Bundestagswahlkampfs 1972 in Aschaffenburg. Jungen Menschen wurde gesagt, dass ihnen niemand abverlangen könne, ein Kind zur Welt zu bringen. Millionen von Kindern sind seither in unserem Land nicht mehr zur Welt gekommen und fehlen uns heute bitter.
Ebenso wird es sich bitter rächen, dass auch der Damm in Richtung Euthanasie gebrochen ist.
Wie notwendig Wachsamkeit ist, könnten wir jetzt noch an vielen weiteren Lebensbereichen bedenken. Wenn wir z.B. an die immer stärker ausgebreitete Forderungsmentalität denken, dann erinnere ich an einen Politiker, der vor etwa 50 Jahren sagte: „Man muss die Kuh melken, solange sie Milch gibt.“ Also wurde entsprechend Politik gemacht, indem man nicht nur berechtigte Verbesserungen einführte, sondern viele Annehmlichkeiten verteilte, und damit zwar Wahlen gewann, aber zugleich die Staatskasse leerte und eine nachhaltige Forderungsmentalität der Menschen gegenüber dem Gemeinwesen auslöste.
Auch in der aktuellen Rentendiskussion wäre mehr Wachsamkeit angebracht in der Abwägung zwischen persönlichen Erwartungen und finanziellen Möglichkeiten.
Wachsamkeit braucht es in jedem Bereich des Lebens wie auch des Zusammenlebens. Nach dem Ende des sogenannten kalten Krieges mit dem Zusammenbruch der Mauer, die Europa in Ost und West trennte, waren zu wenig wachsam, und so konnte sich nach 30 Jahren wieder eine Politik entwickeln, der wir nun eher schwach gegenüberstehen wie beim Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Sorge um die Sicherheit Europas.
Seit meinem frühen Lateinunterricht hat sich mir das uralte lateinische Sprichwort eingeprägt: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.“ – „Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende.“ Bedenke also, worauf dein Tun, deine Entscheidungen von heute hinauslaufen. Damit sind wir wieder bei der Wachsamkeit.
Die Wachsamkeit, zu der Jesus aufruft, ist keineswegs Untätigkeit, kein naives Hoffen auf bessere Zeiten, vielmehr ein sehr bewusstes Wahrnehmen von Verantwortung, ein sehr kluges und auf Zukunft hin bedachtes Handeln. Die Menschen lebten in den Tag hinein. Deshalb rief Jesus damals und heute uns auf: „Seid wachsam!“
Das gilt für den Bereich der Ökonomie, der Ökologie, des Gemeinwesens, des sozialen Miteinanders und insbesondere für ethische Fragen, wie z.B. des Lebensschutzes. All das betrifft die Fragen nach dem Frieden in der Welt, es gilt aber auch für die Fragen nach dem Miteinander in unseren überschaubaren Städten und Dörfern. Das gilt für die Frage nach der Zukunft unserer Kinder, unserer Alten, unserer Schwachen und Kranken, unserer Familien. Hinter der Frage nach der Zukunft, worauf wir zusteuern, steckt im Grunde die Frage nach dem Sinn des Lebens und für wahr nicht nur darum, jetzt möglichst viel herauszuholen.
„Seid wachsam!“Das heißt nicht zu protestieren, sondern einen besseren, lebenswerteren Weg aufzuzeigen, bei dem wir wirtschaftlich vielleicht nicht unbedingt in der Manier „America first“ oder „MAGA“ – „make America great again“ – die Ersten sein werden, bei dem wir aber, was Menschenwürde, was die Bedeutung von Familie, was die Bildung, besonders die Herzensbildung der Kinder, was Sozialkultur und Arbeitsplatzsicherung, was Gerechtigkeit und ehrenamtliches Engagement betrifft, beachtenswerte Wege für ein Leben mit Zukunft – sogar über diese begrenzte irdische Zeit hinaus – aufzeigen. Hier wird deutlich, ob ich nur mit besseren Zahlen rechne oder mit IHM, dem Herrn, und auf SEINEM Weg, dem Weg der Frohen Botschaft, mit besserem Leben.
Wachsamkeit ist auch für uns in der Kirche das Gebot der Stunde. Wir sind intensiv bemüht, mit vielen strukturellen und organisatorischen Überlegungen die Kirche auf Zukunft hin handlungsfähig zu halten. Genau deshalb ist es entscheidend wichtig, welche Akzente wir jetzt setzen und welche Entscheidungen wir heute treffen, damit daraus eine Pastoral erwächst, die auch in den Veränderungen von Kirche und Gesellschaft die Sorge um das Leben aus dem Geist Jesu und seiner Frohen Botschaft deutlich macht und Hoffnung vermittelt. Es geht um entscheidend mehr als um funktionierendes kirchliches Management!
Die Adventszeit lädt uns ein, uns wieder neu auf den Weg zu machen und zu überlegen, was den Einzelnen und uns alle als Christen wirklich trägt und nährt, und zu versuchen, wachsam zu werden für das Eigentliche, für das, was von entscheidender Bedeutung für unser Leben ist.
Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat einmal gesagt: „Eine Kirche, die nicht auf die Wiederkunft des Herrn wartet, hat den Kern ihres Wesens, ihrer Kraft aufgegeben.“ Von dieser Erwartung her ist es wesentlicher Auftrag der Kirche, sich selbst und die Menschen danach zu fragen, worauf hin sie leben, um sie dann hinzuweisen auf die Fülle des Lebens, die Jesus verheißt.
Wenn die Erwartung auf IHN in den Herzen und Köpfen der Menschen wieder wach wird, dann haben wir nicht nur eine gute Zukunft vor uns, sondern auch das Hier und Jetzt wendet sich zum Besseren. Dann werden wir gemeinsam die Bedrohungen für das Leben und das Miteinander meistern, indem wir dem Auftrag Jesu folgen, in SEINEM Geist füreinander Verantwortung übernehmen und einander schützen. Es kommt also auf unsere Wachsamkeit heute an!
Domkapitular Clemens Bieber
www.caritas-wuerzburg.de
Text zur Besinnung
Der frühere Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher sagte in einer Adventspredigt:
„Nur wenn wir die Herzen
für die Ströme des Heils in unserer Zeit öffnen,
wird uns der Advent mehr sein
als eine Erinnerung
an das Warten der Menschheit vor Christus,
und mehr als einige wunderbare, heimelige Bräuche.
Dann stehen wir mitten im zeitlosen Advent Gottes,
der immer aktuell ist.“





